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"Serielles Sanieren braucht freie Architektinnen und Architekten!"

Stand: März 2022
Foto, Jörg Schumacher, Bundesarchitektenkammer.
Jörg Schumacher, Referatsleiter Nachhaltigkeit bei der Bundesarchitektenkammer

Architektinnen und Architekten müssen bei Sanierungen weit mehr bedenken, als den reinen Wärmeschutz. Wie fügt sich das Gebäude in das vorhandene Umfeld ein? Wie lässt sich der Charakter bewahren? Welche Wünsche hat der Bauherr – und wie können die optimal umgesetzt werden? Ein Interview mit Jörg Schumacher, Referatsleiter Nachhaltigkeit bei der Bundesarchitektenkammer, der die wichtige Rolle der freien Architektinnen und Architekten herausarbeitet.

Gestalterische Qualität und serielles Sanieren – passt das zusammen?

„Eine hohe gestalterische Qualität und serielles Sanieren schließen sich keineswegs aus! Der springende Punkt ist: Wird jedes einzelne Projekt der städtebaulichen Situation gerecht? Planerische und gestalterische Ansprüche müssen ihren Stellenwert auch weiterhin behalten. Was es nicht geben darf: die Wiederholung des immer Gleichen an unterschiedlichen Orten, eine MacDonaldisierung der Architektur. Um das zu verhindern, müssen freischaffende Architektinnen und Architekten auch bei seriellen Sanierungen eine wesentliche Rolle spielen.“

Welche besondere Funktion nehmen die freien Architekten ein?

„Aus unserer Sicht ist das Prinzip der Trennung von Planung und Ausführung der Schlüssel für gute Ergebnisse. Und dafür braucht es eben freie Planende, die – im Gegensatz zu angestellten Planenden bei den Bauträgern – als unabhängige Treuhänder der Bauherren agieren. Sie erarbeiten entsprechend den Vorstellungen der Auftraggebenden verschiedene Varianten, zum Beispiel für ein optimales Preis-Leistungs-Verhältnis oder eine optimale Zusammenführung unterschiedlicher Planungsziele wie Klimaschutz, Nutzeranforderungen, Ortsbildschutz etc. Diese Freiheit ist unglaublich wertvoll und befähigt die Bauherren überhaupt erst dazu, zwischen Entscheidungsoptionen zu wählen. Und es geht! Ein wirklich positives Beispiel ist der „Energiesprong 2426“ in Köln. Hier hat das freie Architekturbüro verschiedene Optionen überprüft und bewertet. Nachhaltigkeitsaspekte und Ressourceneffizienz haben in der Planung eine wichtige Rolle eingenommen und der städtebauliche Kontext wurde komplett mit einbezogen – so funktioniert serielles Sanieren.“

Welche konkreten Herausforderungen stellen sich den Architektinnen und Architekten bei seriellen Sanierungen?

„Die Kernfrage lautet, wie sich das jeweilige Haus in seiner Materialität, seiner Nutzung und Baumasse auch nach der Sanierung gut in das Vorhandene einfügt. Auch serielle Lösungen müssen sich in gewissem Grade anpassen lassen und auf Ortsspezifika Rücksicht nehmen: Häuser in Lübeck müssen weiterhin anders aussehen dürfen als in Nürnberg. Das ist auch eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz. Hier wird es dann kompliziert, weil serielles Sanieren ja ganz bewusst auf Masse, Schnelligkeit und Effizienz ausgerichtet ist.

Diese Zielkonflikte müssen benannt werden, um tragfähige Lösungen zu erarbeiten. Denn klar ist: Serielles Sanieren ist ein wichtiger Baustein für einen klimaneutralen Gebäudebestand. Vorfertigung und Standardisierung sind wesentliche Hebel, um energetisches Sanieren zu beschleunigen und letztlich die Sanierungsquote nach oben zu bringen. Andernfalls verpasst der Sektor seine Klimaschutzziele deutlich. Zudem ist das serielle Vorgehen auch eine Antwort auf den gravierenden Fachkräftemangel im Baubereich.“

Inwieweit verändern sich die Aufgaben der Planenden?

„Ich glaube nicht, dass sich die Aufgaben verändern. Aber die zeitliche Staffelung der Aufgaben ändert sich. So liegt der wesentliche Unterschied zwischen konventionellen und seriellen Lösungen liegt darin, dass sich einige der Planungsleistungen in frühere Phasen verschieben. Man kann es mit dem Kauf eines Autos vergleichen. Als Kun­de nimmt man sich Zeit, das neu­e Auto indi­vi­du­ell zu kon­fi­gu­rie­ren. Man lässt sich bera­ten, geht es gedanklich noch ein­mal in Ruhe durch, rech­net die Kos­ten und modifiziert viel­leicht noch­mal etwas. Und dann drückt der Kun­den­be­ra­ter auf „Los“ und der Pro­duk­ti­ons­pro­zess beginnt.

Bei der seriellen Sanierung ist es der Bau­herr, den Architekten bei der Kon­fi­gu­ra­ti­on sei­nes Pro­jek­tes bera­ten. Sie bespre­chen es mit allen Ent­schei­dern, Her­stel­lern und gege­be­nen­falls auch Nut­zern, dis­ku­tie­ren die Stan­dards und Qua­li­tä­ten, den­ken in Vari­an­ten und fügen noch letz­te Ände­run­gen ein. Erst wenn alles passt, wenn Qua­li­tät, Archi­tek­tur, Mate­ria­li­tät und Stan­dards fest­ge­legt sind und der Bau­herr sein Pro­jekt kom­plett ‘kon­fi­gu­riert‘ hat, wird auf ‘Los‘ gedrückt. Anschlie­ßend beginnt der eigent­li­che Pro­zess der Her­stel­lung: Die Modu­le gehen beim Her­stel­ler in die Detail­pla­nung und dann buch­stäb­lich aufs Band.

Im kon­ven­tio­nel­len Sanierungs­pro­zess gibt es wäh­rend der Planung und Ausführung immer wie­der Ände­run­gen. Verläuft ein Pla­nungs­pro­zess bei der seriellen Sanierung optimal, finden solche nachträglichen Änderungen nicht statt. Streng genommen dürfen sie das auch gar nicht. Man kann ja sein Auto auch nicht mehr umkon­fi­gu­rie­ren, wenn es schon zur Hälf­te übers Band gelau­fen ist.“

Wie kann das Produktdesign genutzt werden, um ressourcenoptimiert und nachhaltig zu bauen?

„Das ist eine extrem wichtige Frage. Dabei geht es erstens um die verwendeten Materialen. Derzeit dominiert die Frage nach dem Wärmeschutz. Ob ich beispielsweise für die Dämmung Hartschaum aus Erdöl nutze oder natürliche Materialen wie Zellulose oder Hanf, spielt keine Rolle – dabei ist der CO2-Fußabdruck bei den natürlichen Bau- und Dämmstoffen entlang des gesamten Lebenszyklusses deutlich geringer! Zweitens benötigen wir Bauelemente, die idealerweise als solche komplett wiederverwendet werden können. Ist das nicht der Fall, muss mindestens eine Wiederverwertung der verbauten Materialen zwingend möglich sein. Dazu ist es wichtig, dass in einem Bauelement möglichst wenige, möglichst sortenreine und möglichst mechanisch trennbare Baustoffe verarbeitet sind. Also nach Möglichkeit Verzicht auf Klebeverbindungen und Verbundmaterialien, die am Ende auf dem Sondermüll landen. Diesen Themen muss bereits im Produktdesign viel größere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Zudem sollten wir eine Überoptimierung der falschen Ziele vermeiden. Siehe das Net-Zero-Prinzip, das an einer etwas zu starren Definition krankt: Auch in den Niederlanden, wo diese Zielsetzung im Rahmen von Energiesprong als erstes definiert wurde, legt man dies inzwischen etwas offener aus. Es gibt einfach Bereiche, in denen ein Festklammern an der Null an der Praxis scheitert. Nehmen wir beispielsweise die Erdgeschosse zu sanierender Gebäude. Um hier die erforderlichen energetischen Werte zu erreichen, ist an der Fassade oftmals eine ‘Überdämmung‘ der Fußbodenplatte des Erdgeschosses nötig, die einige Zentimeter in den Boden reichen muss. Hierzu müssen dann aufwändige Erdaushubarbeiten vorgenommen werden. Dies verursacht zusätzliche Kosten und einen größeren Zeitaufwand. Ganz zu schweigen davon, dass bestehende Grünflächen in Mitleidenschaft gezogen werden. Und das alles, um ein paar zusätzliche Kilowattstunden an Energieeinsparung herauszuholen. Hier wäre es geboten, nach einem optimalen Verhältnis von Aufwand und erzielter Energieeinsparung zu suchen, anstatt ein Maximum herauspressen zu wollen.“

Was ist aus Ihrer Sicht notwendig, damit serielle Sanierungen den Durchbruch erzielen?

„Zunächst möchte ich einschränkend sagen, dass serielle Sanierungen auch nur dort einen Durchbruch erzielen können, wo sie sinnvoll sind. Und das betrifft in erster Linie die seriell erstellten Gebäudebestände der 50er bis 70er Jahre. Und innerhalb dieser Gruppe sind nach aktuellen Erkenntnissen und mit den jetzigen technischen Möglichkeiten die 3- bis 4-geschossigen Gebäude die am besten geeigneten. Denn kleinere Gebäude würden nicht die notwendigen Skalierungseffekte mit sich bringen. Größere Gebäude wiederum hätten es aufgrund des ungünstigeren Verhältnisses von Dach- zu Nutzfläche und damit eingeschränkter Möglichkeiten zur Erzeugung erneuerbarer Energien schwer, den NetZero-Standard zu erreichen. Also in dieser Hinsicht finde ich den Fokus von Energiesprong absolut richtig.

Einer der wesentlichen Vorteile, die eine serielle Sanierung aufgrund ihres hohen Vorfertigungsgrades bietet, ist, dass Gebäude auch im bewohnten Zustand in sehr kurzer Zeit saniert werden können. Angesichts der teilweise jahrelangen dreck- und lärmverursachenden Sanierungsarbeiten im herkömmlichen Sinne, ist das ein großer Pluspunkt, der auch zur Akzeptanzsteigerung beiträgt.

Eine weitere Akzeptanzsteigerung würde damit erzielt werden, dass neben dem rein energetischen auch der städtebauliche und gestalterische Anspruch Berücksichtigung findet. Dafür benötigen wir die Mitwirkung freier Architektinnen und Architekten. Hier könnte die Förderung für serielle Sanierung Anreize setzen, damit freischaffende Architekten künftig ein fester Bestandteil bei seriellen Sanierungsprojekten werden. Ähnlich verfährt man ja heute bereits bei der Energieberatung. So zahlt das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) einen Zuschuss für eine geförderte Beratung in Höhe von 80 Prozent des zuwendungsfähigen Beratungshonorars. Ähnlich könnten auch im Bereich der seriellen Sanierung Anreize gesetzt werden, Freischaffende mit ins Boot zu holen. Wenn das so kommt, bin ich mir sicher, dass wir schon in wenigen Jahren große Volumen seriell sanieren – bei höchster Qualität!“

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