„Die Energiewende ist auch eine Gestaltungsaufgabe"
Stand: September 2026Newsletter
Bauwerkintegrierte Photovoltaik (BIPV) gilt als eine der anspruchsvollsten Bauaufgaben überhaupt – und zugleich als große Chance für Architektur und regionale Wertschöpfung.
Sophie Luz und Jochen Stoiber begleiten das Thema seit sechs Jahren für die Architektenkammer Baden-Württemberg mit einer BIPV-Initiative. Ein Gespräch über Wege aus der Nische, die hartnäckige Kostenfrage und warum ein PV-Modul am Ende auch nur ein Bauteil ist.
Sie sagen, die Energiewende am Gebäude ist eine Gestaltungsaufgabe. Wie sehen Sie die Rolle von Architektinnen und Architekten sowie Planenden?
Luz: Ein Großteil unserer Gebäudeoberflächen soll und muss für Solarenergie aktiviert werden. Daher wird Photovoltaik unsere gebaute Umwelt zwangsläufig immer stärker prägen. Damit wird aus einem Baustein der Energieerzeugung ein Element der Baukultur. Ein PV-Modul ist ein sehr technisches Bauteil. Für die Akzeptanz in der Bevölkerung ist entscheidend, es als selbstverständlichen Teil des Gebäudes wahrzunehmen. Die Akzeptanz steigt, je unaufdringlicher die Technik wirkt. Im Idealfall sehe ich eine klassische Fassade und merke gar nicht, dass sie zugleich Strom erzeugt.
Stoiber: Unbedingt. Gute Gestaltung ist Teil der Nachhaltigkeit – nur sie trägt zur Werthaltigkeit und zum dauerhaften Bestand eines Gebäudes bei. Niemand will in etwas wohnen, das aussieht wie ein haustechnischer Versuchsaufbau. Gute Gestaltung ist die Voraussetzung dafür, PV überhaupt in dem Maßstab umzusetzen, den die Energiewende verlangt.
Wo steht BIPV heute?
Luz: Ich sehe BIPV nach wie vor eher in der Nische. Technisch ist sie ausgereift. Was fehlt, ist die breite Anwendung in der täglichen Baupraxis. Bei BIPV geht es um mehr, als Module an oder auf ein Gebäude zu bringen. Sie muss von Anfang an mitgedacht werden. Das macht die Planung anspruchsvoller.
Stoiber: Oft fehlt schlicht das Wissen über die Möglichkeiten – gleichermaßen bei Bauherren, Planenden und ausführenden Betrieben. Der integrale Planungsgedanke ist noch nicht tief genug verankert. Man denkt bei Bauvorhaben noch zu häufig additiv. Genau da setzen wir mit unseren Projekten an: ein Bewusstsein dafür schaffen, dass sich die Synergien der BIPV nur nutzen lassen, wenn man sie von vornherein einplant.
Wie sieht es mit dem Produktangebot aus? Das galt anfangs als Flaschenhals.
Luz: Das hat sich deutlich gewandelt. Als wir vor sechs Jahren mit unseren BIPV-Projekten gestartet sind, war die Auswahl begrenzt – das bremste die Umsetzung. Wir führen auf unserer Homepage eine Produktdatenbank, die laufend wächst. Aktuell sind knapp 250 Produkte verzeichnet. Auch unsere Projektgalerie zeigt: Es kommen ständig neue Praxisbeispiele dazu. Trotzdem muss unser Ziel sein, aus den vielen Einzellösungen eine verlässliche Planungspraxis zu machen. BIPV soll vom Sonderfall zum normalen Bestandteil guter Architektur werden. Wir sind in einer Zwischenphase – viel weiter als vor sechs Jahren, aber noch nicht im Alltag angekommen.
Sie sprechen davon, dass heute additiv gebaut wird – in Abgrenzung zum integralen Bauen. Woran hakt es konkret?
Stoiber: Am ehesten an den Schnittstellen. Bei den einzelnen Gewerken muss das Verständnis dafür wachsen, dass alles mit allem zusammenhängt. Wer macht wann was – und wie greift das ineinander? Das zu klären ist eine Kernaufgabe unseres Projekts.
Luz: Absolut. Für vieles davon gibt es eigene Fachplaner. Die Antwort ist eigentlich einfach: von Anfang an alle zusammenholen, die Grundlagen gemeinsam besprechen, die Verantwortlichkeiten klären. Schon bei der Frage, wer das Kabel anschließt – Dachdecker oder Elektriker –, muss Klarheit herrschen. Manche Betriebe arbeiten daher interdisziplinär und haben etwa einen Elektriker im Haus.
Bietet BIPV eine neue Chance für europäische Unternehmen im Bereich Solar?
Luz: Bei Konstruktionen und Unterkonstruktionen kommen heute viele Lösungen aus dem deutschsprachigen Raum. BIPV ist spezieller und in der Planung intensiver, dadurch seltener reine Massenware aus Fernost – aber die Zellen und Module stammen trotzdem oft von chinesischen Herstellern. Daran kommen wir häufig nicht vorbei.
Stoiber: Dennoch ist BIPV ein Feld, auf dem europäische Hersteller wieder Marktanteile zurückgewinnen können. Wenn man sieht, was beispielsweise das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE laufend an Innovationen hervorbringt – farbige Oberflächen fast ohne Ertragsverlust, kürzlich transparente Module –, dann sollte das europäischen Unternehmen Mut machen, eigene Lösungen auf den Markt zu bringen.
Liegen heute belastbare Kostenkennwerte zur BIPV vor?
Luz: Kosten sind sehr individuell. Allgemeine Aussagen lassen sich nur schwer treffen. Wir sind gerade dabei, realisierte und laufende Projekte zu erfassen, um erstmals belastbare Kostenkennwerte für BIPV-Systeme zu ermitteln. Denn wir erleben immer wieder, dass BIPV früh aus der Planung fliegt, weil die Kosten vermeintlich den Rahmen sprengen. Dabei ist entscheidend, wie die Wirtschaftlichkeit berechnet wird. Da müssen mehr Faktoren berücksichtigt werden als nur der reine Stromertrag. Denn ein BIPV-Element übernimmt auch eine Funktion der Gebäudehülle. Also muss ich das eingesparte konventionelle Bauteil gegenrechnen – zum Beispiel die Fassade, den Sonnenschutz, die Absturzsicherung. Dann wird die Perspektive für BIPV deutlich attraktiver.
Stoiber: Bei den Kosten fehlten bisher schlicht verfügbare Daten. Ganz am Ende steht auch die Frage der immateriellen Werte. Die Werthaltigkeit eines Gebäudes hat viel mit guter Gestaltung zu tun – da ist mit BIPV viel möglich. Und es geht um Versorgungssicherheit: Wer seinen Strom selbst erzeugt, ist weniger davon abhängig, ob die Gasspeicher im Winter voll sind.
Luz: Zu berücksichtigen sind auch die Klimafolgekosten. Aufgrund der Hitzesommer müssen wir Räume zunehmend kühlen, dafür brauchen wir Strom. Diese Kosten sind schwer zu fassen, aber sie werden kommen. Mir ist zudem wichtig: Wir sollten den Strom idealerweise dort gewinnen, wo wir ihn brauchen – am Gebäude, nicht nur auf der Freifläche. Das entlastet uns auch beim Netzausbau.
Wie passen Baurecht und BIPV zusammen?
Stoiber: Sobald Photovoltaik als Gebäudebauteil integriert ist, bin ich im Bauordnungsrecht und brauche eine bauaufsichtliche Zulassung für das Produkt. Heute läuft es oft noch über eine individuelle, vorhabenbezogene Bauart-Genehmigung für das jeweilige Projekt – das verteuert und verzögert jedes einzelne Vorhaben. PV-Module durchlaufen ohnehin die elektrotechnischen Sicherheitsprüfungen – würden die Hersteller dabei gleich die Bauproduktzulassung mit erledigen, wäre viel gewonnen. Das gibt es, ist aber noch die Ausnahme.
Was können Politik und Verwaltung tun?
Stoiber: Ein vereinfachtes Zulassungsverfahren für standardisierte Produkte wäre der Hebel. Über die Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen wird die Zulassung kleiner Dach-PV-Anlagen bereits sukzessive erleichtert. Diesen Weg konsequent für BIPV weitergehen – das wäre ein riesiger Schritt.
Wie hoch sind diese Hindernisse in der Praxis wirklich?
Stoiber: Bei jedem Projekt, das wir in den letzten sechs Jahren begleitet haben, haben wir am Ende alle Herausforderungen gemeistert. Es funktioniert immer – aber es könnte einfacher sein. Ich sehe da diese Scheu: „Wenn es integriert ist, ist es Bau, dann brauche ich all diese Zulassungen. Lassen wir es lieber und machen eine Standard-Aufdachanlage." Dabei muss ich mich, sobald ich in die Fassade gehe, ohnehin mit Konstruktion, Tragwerk und Absturzsicherung befassen. Jedes Glaselement an der Fassade muss sicher hängen und darf bei Bruch nicht gefährlich zersplittern – die Prüfungen brauche ich so oder so.
Eine mögliche Erleichterung kann die geplante Muster-BIPV-Richtlinie schaffen. Was müsste drinstehen?
Stoiber: Die BIPV-Richtlinie braucht zwei Ansatzpunkte. Erstens einen Rahmen: Was heißt es überhaupt, BIPV zu realisieren – welche Aufgaben, Rollen, Akteure und Schnittstellen gehören dazu? Das lässt sich als idealtypisches Vorgehen relativ gut beschreiben. Zweitens, und ehrgeiziger, ein baurechtlich belastbares Konstrukt: eine Handlungsanweisung, nach der eine Lösung unter bestimmten Voraussetzungen bauordnungsrechtlich unkritisch ist und keine Einzelprüfung mehr braucht. Das ist beispielsweise der Kern der Holzbaurichtlinie – sie bringt gerade bei den größeren Bauvorhaben in Gebäudeklassen 4 und 5 enorme Erleichterung für den Holzbau.
Luz: Wichtig dabei: Wir wollen BIPV nicht standardisieren oder architektonisch beschneiden. Im Gegenteil, wir wollen einen verlässlichen Rahmen schaffen, innerhalb dessen unterschiedliche gestalterische und technische Lösungen möglich bleiben.
Wie schnell kann das für BIPV Realität werden?
Stoiber: Ob wir diesen zweiten, baurechtlichen Teil schon im aktuellen Projekt erreichen, ist offen. Unser wesentliches Ziel ist daher erstmal eine echte, verlässliche Handreichung für alle Beteiligten: vom Bauherrn, der prüft, ob BIPV für ihn taugt, über die Fachplanenden bis zu den ausführenden Gewerken.
In vielen Betrieben fehlt das Know-how, eine eigene BIPV-Ausbildung gibt es nicht. Wie schließt man diese Lücke?
Luz: Ich glaube nicht, dass wir dafür einen eigenen Ausbildungsberuf brauchen. Entscheidend ist die Interdisziplinarität: BIPV löst keine Berufsgruppe allein, es sind immer alle gemeinsam. Deshalb geht es um Wissensvermittlung – und die muss praxisnah sein. Reale Projekte und gute gebaute Beispiele sind zentral. Das senkt die Hemmschwelle und schafft Routine. Genau darauf setzen wir: nicht nur Wissenstransfer, sondern Veranstaltungen wie unsere Fachtagung, die im Sommer zum zweiten Mal stattfand, und das Ziel hat, die unterschiedlichen Gewerke und Planungsbeteiligten zu vernetzen.
Was raten Sie einem Büro, das heute sein erstes BIPV-Projekt angeht?
Luz: Ich lege ihm unseren Leitfaden ans Herz. Gerade beim ersten Projekt gilt: früh alle Fachleute an einen Tisch holen und auf bestehende Erfahrungen und gute Beispiele zurückgreifen. Wir haben über die Jahre einen großen Wissensbestand aufgebaut – ein Netzwerk, Produkte, Hersteller. Je früher man mit Gestaltung, Konstruktion, Energie und Wirtschaftlichkeit gemeinsam am Tisch sitzt, desto besser. Man baut so ein Projekt nie allein. Also: auf bipv-bw.de gehen. Dann kann es losgehen.
Über Sophie Luz und Jochen Stoiber
Sophie Luz studierte Architektur an der Bauhaus-Universität Weimar und arbeitete zunächst freiberuflich, danach als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Technik Stuttgart und der Universität Stuttgart. Seit 2020 ist sie Referentin für Architektur und Technik bei der Architektenkammer Baden-Württemberg – über jene Stelle, die für die neu gegründete BIPV-Initiative ausgeschrieben war. Seither begleitet sie das Projekt durch alle Förderphasen.
Jochen Stoiber studierte Architektur an der Universität Karlsruhe und war rund zehn Jahre freiberuflich tätig. Seit 1998 ist er Referent für Architektur und Technik bei der Architektenkammer Baden-Württemberg, zuständig für Information, Stellungnahmen und Beratung zu rechtlichen und technischen Fragen im gesamten Feld von Architektur und Bauwesen. Er leitet die BIPV-Kooperation der Kammer mit Fraunhofer ISE, HTWG Konstanz und ZSW.