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"Sanieren statt neu bauen – das ist wahrer Klimaschutz"

Stand: Juni 2022
Foto, Christina Patz

Der Verein Architects for Future (A4F) ist 2019 solidarisch zu Fridays for Future gestartet. Das Ziel: Bauen endlich nachhaltiger zu machen und Wissen auf allen Ebenen zu vermitteln. Klare Kante zu zeigen zählt zu den Wesensmerkmalen. Ein Gespräch mit der Architektin, Energie-Effizienz-Expertin und A4F-Koordinatorin für Bauen im Bestand Christina Patz über Potenziale, Fehlsteuerungen und sinnlose Verschwendung, neue Berufsperspektiven und klimagerechte Lösungen – die endlich umzusetzen sind.

Wenn wir sehen, was das Bauen für Effekte auf das Klima hat: Dürfen wir heutzutage überhaupt noch neu bauen?

Es muss die Ausnahme werden. Vor allem dürfen wir keine Neubaugebiete mehr ausweisen, die neue Infrastruktur erfordern und wertvolle Flächen versiegeln, während in vorhandenen Siedlungsflächen Gebäude ganz oder teilweise leer stehen und nicht genutzt werden. Bei jedem Bauprojekt muss vorab kritisch hinterfragt werden, wie der Bedarf tatsächlich aussieht und ob es wirklich notwendig ist, Stichwort Suffizienz. Wir fordern eine Prüfung, ob der Gebäudebestand – so vorhanden – sanierungsfähig ist, bevor dieser als wertlos deklariert abgerissen wird. Mit Umbau, Aufstockung oder Umnutzung und energetischer Sanierung steckt enormes Potenzial in unserem Gebäudebestand! In Bezug auf eine Lebenszyklusbetrachtung ist die Sanierung meist die bessere Lösung.

400.000 neue Wohnungen 2022 – ein unterstützenswertes Ziel?

Nein, vor allem nicht, wenn dafür Lösungen ausschließlich im Neubau gesucht werden. Auch hier müssen wir auf das schauen, was schon da ist: Wir haben insgesamt eigentlich genügend Wohnraum; die Bevölkerung in Deutschland wächst ja nicht. Daher ist es eine Steuerungsaufgabe der Politik: Gegenden mit Wegzug müssen endlich aufgewertet werden, statt sie dem Verfall zu überlassen. Nur so können Regionen mit hohem Zuzugsdruck entlastet werden. Die mangelnde Attraktivität mancher Orte ist beispielsweise Ergebnis von fehlendem Breitbandausbau, schlechter ÖPNV-Anbindungen, schwindender medizinischer Infrastruktur oder mangelhaften Versorgungsangeboten für ältere Menschen und Kinder. Das gilt gerade für ländliche Regionen. Innerhalb von Metropolregionen wiederum handelt es sich bei Wohnungsknappheit eher um ein Verteilungsproblem als um einen absoluten Mangel an Wohnungen. Dies soll keinesfalls leugnen, dass viele Menschen von schmerzhaften Mangelerscheinungen betroffen sind.

Wie wollen Sie in den urbanen Zentren sonst neuen Wohnraum schaffen?

Zuallererst muss der Leerstand aktiviert werden. Beispielsweise haben wir seit Corona einen Arbeitswandel erlebt und nun viele nicht mehr benötigte Büroflächen zur Verfügung, deren Nutzung wir ändern können. Aber auch leerstehende Wohnungen – aus welchen Gründen auch immer – sollten endlich unter ein Zweckentfremdungsgesetz fallen, damit der Gemeinschaft wertvoller Wohnraum zur Verfügung steht und dieser nicht nur Spekulationsobjekt ist.

Und wir haben ein enormes Potenzial! Verschiedene Studien weisen aus, dass durch die Aufstockung bestehender Gebäude bis zu 50 Prozent des prognostizierten zusätzlichen Wohnraumbedarfs gedeckt werden kann. Nicht zu unterschätzen sind außerdem Angebote, die einen Umzug unterstützen. Durch stark gestiegene Mieten wohnen nunmehr zum Beispiel Singles oder Paare nach Auszug der Kinder in überfordernd großen, aber noch günstigen Wohnungen. Familien suchen hingegen verzweifelt nach geeigneten Wohnungen. Hier brauchen wir soziale Steuerungselemente für den Mietpreis, Umzugshilfen und Vermittlungsangebote, damit auf freiwilliger Basis mehr Bewegung entsteht und Wohnraum bedarfsgerechter verteilt wird. Hier sind die Kommunen, aber auch die großen Wohnbaugesellschaften gefragt, aktiv zu werden.

Zur Finanzierungsfrage von solchen Maßnahmen könnte man eine Rechnung aufmachen: Was spart die Gemeinde durch den Entfall von Neubau und Instandhaltung zusätzlicher Infrastruktur? Mit diesem Geld ließen sich zum Beispiel gezielt kleine Wohnungen verbilligen, um faire Angebote an Menschen zu machen, die sonst durch den überhitzten Wohnungsmarkt in ihren Wohnungen mit alten Mietverträgen geradezu feststecken.

Bewegung im Markt ist also ein wichtiges Thema: Hamstern und Spekulation muss unattraktiv, Umnutzung, Aufstockung und Erweiterung sowie Verkleinerung durch Umzug oder Sharing-Konzepte gefördert werden. Die Klimaschutzorganisation GermanZero hat in Ihrem 1,5-Grad-Maßnahmenpaket ein paar sehr gute Ideen dazu und diese zum Teil bereits als Gesetzestexte verfasst. Fehlt also nur noch Copy-and-Paste…

Der Gebäudesektor hat seine Klimaschutzziele in den letzten beiden Jahren verpasst. Ist ein klimaneutraler Gebäudebestand bis 2045 überhaupt erreichbar?

Wenn wir nicht davon überzeugt wären, würden wir uns nicht dafür einsetzen. Also ein klares Ja. Aber nur, wenn wir mit vereinten Kräften und sofort beginnen, daran zu arbeiten. Wir wissen aus erforschten Ergebnissen, was zu tun ist, es muss nur in der Breite umgesetzt werden – und zwar jetzt. Wir können es uns nicht erlauben, weiterhin Projekte zu genehmigen, die das Ziel des klimaneutralen Gebäudebestands nicht berücksichtigen. Zu lange ist die Lebensdauer von Gebäuden und Bauteilen. Allein wenn wir betrachten, wie viel Planung und handwerkliche Leistungen für die notwendige Sanierung von jährlich vier Prozent des Gebäudebestands erforderlich sind, ist klar, dass wir jetzt die Kapazitäten dafür priorisieren müssen. Wir setzen uns dafür ein, dass der klimaneutrale Gebäudebestand bereits 2035 erreicht wird. Denn laut einer Studie des Wuppertal Instituts muss das der Zeithorizont sein.

Was ist das Ziel von den Architects for Future? Wie sieht für Sie die perfekte Bauwelt aus?

Der Gebäudebereich hat 35 Prozent Anteil am Energieverbrauch und 40 Prozent Anteil an den Treibhausgasemissionen in Deutschland. Es ist ein riesiger Hebel, um auf den 1,5-Grad-Pfad zu kommen. Unser Ziel ist eine Bauwende zur Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens und die Begrenzung der Erderhitzung auf maximal 1,5 Grad. In der perfekten Bauwelt ist Bauen im Bestand das neue Normal und Neubau die Ausnahme. Alles, was wir ab jetzt bauen, muss kreislaufgerecht sein. Als Baustoffe nutzen wir die Rohstoffe und Bauteile aus dem gebauten Bestand, also aus urbanen Minen, oder wir verwenden nachwachsende und lokale Materialien mit geringen grauen Emissionen, wie beispielsweise Ortlehm, die gesund für die Innenraumluft im Gebäude sind. Wir verbauen alles Material so, dass es eines Tages wiedergewonnen werden kann. Gebäude und Grundstücke tragen zum Regenwasserrückhalt bei und fördern durch ihre intensive Begrünung die Biodiversität und das Mikroklima der Umgebung. Gebäude erzeugen Energie und sind als dezentrale Kraftwerke Teil der Energiewende. Städte werden nach dem Prinzip der kurzen Wege umgeplant, sodass möglichst viele Wege im Alltag zu Fuß oder mit dem Rad erledigt werden können. In der perfekten Bauwelt werden Räume in und um Gebäude geschaffen, mit guter Qualität und hohem Aufenthaltswert, die soziale Teilhabe ermöglichen und von den Nutzer:innen angenommen werden. In Summe also eine Bauwelt mit Baukultur bzw. UMbaukultur.

Konkret: Was sind Ihre Forderungen für eine MusterUMBauordnung?

Wir fordern eine Novellierung der Bauordnung, die Weiterbauen am Bestand und kreislauffähiges Bauen zum Standard macht und klimaneutrales Bauen als Mindeststandard setzt. Und nein, es reicht nicht, das Gebäudeenergiegesetz zu ändern. Wenn wir die Bauwende schaffen wollen, müssen wir auch die Bauordnungen, das Baugesetzbuch, die Baunutzungsverordnung sowie technische Normen und kommunale Satzungen prüfen und ggf. abändern.

Die aktuelle Musterbauordnung und die Länderbauordnungen sind aus Neubaubedingungen heraus entwickelt worden und berücksichtigen die vorhandenen Zwänge des Bauens im Bestand nicht. Verfahren bei Veränderungen am Gebäudebestand sind deshalb oft langwierig und kostspielig. Meist werden Abweichungen oder zusätzliche Bauvoranfragen benötigt, um zu klären, ob beispielsweise eine Erweiterung oder Umnutzung möglich ist.

Und wie sehen Sie Ihre Chancen?

Wie gut unsere Chancen sind, ist momentan schwer zu beantworten. Einerseits werden wir gehört: Die zuständigen Fachkommissionen Baukonstruktion und Bautechnik haben von der Bauministerkonferenz den konkreten Auftrag erhalten, sich mit unseren Vorschlägen zu befassen und eine Beschlussvorlage zu erstellen. Wir hatten in diesem Frühjahr bereits mehrere ausführliche und konstruktive Gespräche mit den beiden Fachkommissionen. Andererseits sehen wir aber auch, dass verschiedene Zusammenhänge und Zuständigkeiten noch nicht gesehen werden und an alten Denkmustern festgehalten wird. Noch ist fraglich, wann eine Umsetzung erfolgen kann. Deshalb muss der politische Druck wachsen, damit die erforderliche Überarbeitung der Bauordnungen eine Geschwindigkeit bekommt, die der drohenden Klimakatastrophe gerecht wird.

Welche anderen Forderungen haben Sie, zum Beispiel in Bezug auf Material oder Konstruktionsweisen?

Unsere Forderungen richten sich an alle Baubeteiligten, die Politik und Bildungsträger:innen der Bau- und Immobilienbranche, und beginnen damit, zunächst die Bedürfnisse und den dazu erforderlichen Raumbedarf zu überdenken. Die zweite Forderung gilt dem Gebäudebestand: Ihm müssen wir uns intensiv widmen – sanieren, umbauen und dabei Potenziale voll ausschöpfen. Wir fordern von allen Beteiligten, dass sie zur Beschleunigung der Energiewende beitragen. Das heißt: Reduktion des Energiebedarfs im Betrieb und Umstellung auf erneuerbare Energien – nicht nur bei der Stromerzeugung, sondern vor allem bei der Beheizung: Stichwort Wärmewende. Insbesondere von den Planenden fordern wir, dass sie spätere Nutzungen und Umbauten vorausdenken und zukunftsfähige Qualität entwerfen und die Klimaresilienz stärken – von Gebäuden, aber auch von Quartieren. Das geht nur mit integralen Planungsteams.

Wir fordern außerdem, dass kreislauffähig konstruiert und durch die richtige Materialwahl eine gesunde gebaute Umwelt geschaffen wird. Es gilt, Raum für Biodiversität zu erhalten und zu schaffen. Last but not least fordern wir, dass miteinander und gemeinsam gearbeitet wird und alle Baubeteiligten mehr soziale Verantwortung übernehmen.

Bedeutet eine Umsetzung Ihrer Forderungen nicht auch, dass Bauherren und Sie als Architektinnen und Architekten einen immer kleineren Spielraum haben werden?

Das würde ich nicht so sagen. Im Gegenteil, die Möglichkeiten erweitern sich. Es werden sich neue Berufszweige auftun, zum Beispiel die des Urban Mining Scouts, Fachplanung für kreislauffähige Konstruktionen oder Unternehmen für serielle Sanierung, um nur ein paar Beispiele von vielen zu nennen. Wir brauchen eine neue Definition von Baukultur beziehungsweise „guter Architektur”, bei der Inhalte stärker bewertet werden – reine Oberflächen-Ästhetik reicht nicht. Deshalb möchte ich denjenigen von der Berufswahl Architekt:in abraten, die darin eine rein optisch-gestalterische Aufgabe sehen, ohne sich mit Kontext, Nutzer:innen, Baukultur, sozialen Aspekte und Klimaschutz auseinandersetzen zu wollen.

In welchen Bereichen sehen Sie die größten Hindernisse für die Bauwende?

In einem Festhalten an alten Denkweisen, die wir uns nicht mehr erlauben können. Dies gilt für die Politik und die Immobilien- und Bauwirtschaft. Die aktuellen politischen Rahmenbedingungen sind derart, dass klimaschädliches neu Bauen mit Baustoffen, die später zu Abfall werden oder enorme graue Emissionen verursachen, am günstigsten ist.

Und zu den veralteten Denkweisen: Wir müssen uns endlich Gedanken zum Wirtschaftssystem insgesamt machen. Weg von einem linearen und heiß laufendenden Wirtschaftssystem, das riesige Materialströme nach reiner Verwertungslogik bewegt und oft verschwendet, hin zu einem Fokus auf den sozialen Mehrwert und die Bereicherung der Gesellschaft – gerade beim Wohnen. Gemeinwohlökonomie und die Verlangsamung der Stoffströme zur Ermöglichung von Kreislaufwirtschaft hängen eng mit der Bauwende zusammen.

Und was muss sich ändern?

Die Politik muss dringend ins Handeln kommen und die Rahmenbedingungen für zukunftsfähiges Bauen festlegen, damit wir Planungssicherheit bekommen und gleichzeitig klimaschädliches Bauen einfach unattraktiv wird. Sie muss die politischen Rahmenbedingungen derart gestalten, dass klimafreundliches, kreislaufgerechtes und gesundes Weiterbauen am Bestand die günstigste Option wird. Ein reines Appellieren, doch mehr Geld für bessere Baustoffe und Bestandserhalt statt Abriss auszugeben, wird dazu führen, dass wir das 1,5-Grad-Ziel verfehlen. Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen können nicht mehr losgelöst von Klimafolgekosten betrachtet werden, die bei Unterlassen von Maßnahmen entstehen.

Es ist aber nicht nur die Politik, sondern alle Baubeteiligten sind gefragt. Wir möchten einladen und sie dringend auffordern, sich aktiv einzubringen und mit uns die Bauwende voranzutreiben.

Weitere Informationen

Bei Architects for Future engagieren sich im Bausektor Tätige und Menschen, die beispielsweise an Hochschulen oder in Kommunen arbeiten. Darunter insbesondere Architekt:innen, Fachplanende und Studierende sowie Unternehmer:innen oder Handwerker:innen. Die Aktiven arbeiten ehrenamtlich und sind in mittlerweile über 40 Ortsgruppen und verschiedenen themenbezogenen Projektgruppen organisiert.

Mehr unter: www.architects4future.de

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