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„Wir haben keine Zeit für halbe Sachen"

Stand: Dezember 2022
Foto, Carsten Petersdorff

Für die Klimaneutralität 2045 müssen heute entscheidende Weichen gestellt werden. Das gilt insbesondere für ein Industrieland wie Nordrhein-Westfalen. Carsten Petersdorff, Bereichsleiter Gebäude & Wärme bei der Landesgesellschaft NRW.Energy4Climate, zur Transformation des Gebäudesektors: Alle Hebel müssen jetzt in Bewegung gesetzt werden – von individuellen Sanierungsfahrplänen über Quartierslösungen bis zur kommunalen Wärmeplanung.

Welche CO2-Hebel im Gebäudesektor helfen bei der Umsetzung der Klimaneutralität?

Um die Klimaneutralität im Gebäudesektor zu erreichen, müssen wir im Wesentlichen zwei Aufgaben erfüllen: Wir müssen den Energieverbrauch für Raumwärme und Warmwasser senken. Außerdem müssen wir den verbleibenden Wärmebedarf über erneuerbare Energiequellen decken. Die große Herausforderung liegt dabei bekanntlich im Bestand. Es gilt, nicht nur viele Gebäude zu sanieren, sondern das Niveau der Sanierungen – die Sanierungstiefe – zu erhöhen. Im Rahmen der europäischen Gebäuderichtlinie wurden Mindeststandards im Bestand diskutiert. Die leisten dabei ihren Beitrag – aber das wird noch dauern.

Was ist konkret zu tun?

Um einen klimaneutralen Gebäudebestand bis 2045 zu erreichen, brauchen wir jetzt klare Strategien und müssen diese dann auch umsetzen. Die Zeit drängt, wir müssen in die Umsetzung kommen und wir dürfen dabei keine Fehler mehr machen. Der geförderte individuelle Sanierungsfahrplan (iSFP) kann hier vor allem im Bereich der kleinen privaten Immobilien helfen. Aber auch die Wohnungsunternehmen müssen Transformationspläne für einen klimaneutralen Bestand entwickeln und umsetzen. Die geplante 65-Prozent-Erneuerbaren-Vorgabe für neu installierte Heizungsanlagen gibt einen Schub für die Nutzung klimaverträglicher Heizungen, gerade im Bereich von Wärmepumpen und Fernwärmenetzen. Allerdings ist es wichtig sicherzustellen, dass die Wärmepumpen in der Praxis auch das bringen, was geplant wurde. Außerdem ist es wichtig, die Wärme für die Fernwärmenetze auf erneuerbare Energien umzustellen. Aus meiner Sicht müssen wir die Nutzung von Geothermie und Abwärme stark vorantreiben – gerade in einem Industrieland wie NRW.

Welche Maßnahmen und Projekte wollen Sie als NRW.Energy4Climate dafür umsetzen?

Die Verpflichtung zur kommunalen Wärmeplanung, die vom Bund vorgegeben und auf Länderebene umgesetzt werden soll, wird die Planungen für alle Beteiligten einfacher und sicherer machen. NRW.Energy4Climate baut zusammen mit weiteren Landesinstituten wie dem Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) ein virtuelles „Kompetenzzentrum Wärmewende“ auf, über das Informationen und Unterstützung zum Thema „Kommunale Wärmeplanung“ und zu weiteren wärmerelevanten Themen bereitgestellt werden.
Darüber hinaus wollen wir als NRW.Energy4Climate die Transformation der Gebäudeportfolios und der Wärmenetze vorantreiben. Hierzu entwickeln wir verschiedene Veranstaltungsformate, die dazu dienen sollen, zum Beispiel Wohnungsbaugesellschaften bei der Entwicklung und Umsetzung eigener Klimapfade zu unterstützen. Zur Qualitätssicherung von Wärmepumpenlösungen wird das Land eine Wärmepumpenoffensive starten. Auch Projekte zur Realisierung von Quartierslösungen werden durch das Land initiiert. In allen Regionen des Landes NRW setzen wir als NRW.Energy4Climate Klimanetzwerker:innen ein, um die Energiewende vor Ort voranzutreiben, und alle Stakeholder zu vernetzen und mit Aktionen und Informationen zum Klimaschutz zu motivieren.

Quartiere und Areale werden aus klimaschutzpolitischer Perspektive schon lange als wichtiger Lösungsansatz propagiert. Warum erleben wir hier keinen Boom?

Ich sehe das etwas differenzierter. Ich weiß zwar nicht, ob man von einem Boom sprechen kann, Quartierslösungen werden aber im Neubau bereits seit vielen Jahren realisiert und das mit steigender Tendenz. Teilweise kommen hierbei auch sehr innovative Konzepte zum Einsatz. In neuen Quartieren und Arealen können zentrale Wärmelösungen oft kosteneffizient umgesetzt werden.

Auch bei Quartierslösungen liegen die größten Herausforderungen also im Bestand?

In der Tat ist die Etablierung von Quartiersansätzen im Bestand schwieriger, da die vorhandenen Strukturen die Handlungsmöglichkeiten einschränken. Zudem wird durch die Wärmelieferverordnung eine Kostenneutralität verlangt, die eine wirtschaftliche Umsetzung von Contracting erschwert. Alle Eigentümer müssen frühzeitig einbezogen werden. Der Koordinationsaufwand, aber auch andere Aspekte wie zum Beispiel der Platzbedarf für einen zentralen Wärmeerzeuger können abschreckend wirken. Dennoch lohnen sich zentrale Lösungen oft, da sie Optionen eröffnen, die bei Einzellösungen nicht möglich wären, wie zum Beispiel eine gemeinsame Wärmeversorgung über ein Nahwärmenetz mit Geothermie. Hier können zentrale Erdsonden gegenüber einzelnen Gebäuden auf jedem Grundstück durchaus kostengünstiger sein.

Können Sie uns ein besonders gelungenes Beispiel nennen?

Seit 2009 wurden im Rahmen des Projektes 100 Klimaschutzsiedlungen in NRW zahlreiche Quartiere im Neubau und in der Bestandssanierung unterstützt. Alle Projekte durften einen CO2-Grenzwert nicht überschreiten. Durch die Bestandssanierung in der Klimaschutzsiedlung Siegen werden beispielsweise 80 Prozent der ursprünglichen CO2-Emissionen eingespart. Besonders ambitionierte Neubauprojekte erzeugen mehr Energie, als sie im Quartier für die Wärme benötigen, und schaffen damit sogar negative CO2-Emissionen. Mit dem Projekt KlimaQuartier.NRW wird der Ansatz der Quartierslösungen seit diesem Jahr noch ambitionierter fortgesetzt. Die maximalen CO2-Emissionen dürfen im Neubaubereich nur noch 5 kg/m²a und in der Sanierung 10 kg/m²a betragen. Hierfür ist neben einer sehr gut gedämmten Gebäudehülle auch eine effiziente Gebäudetechnik mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energien erforderlich.

Um die Klimaziele und Energiewende zu erreichen, sind alle gefragt – was möchten Sie anderen Bundesländern mit auf den Weg geben?

Natürlich ist die Ausgangssituation nicht einfach: Die derzeitige Wärmeversorgung wird zu einem großen Teil über fossile Energieträger realisiert. Die erneuerbaren Energien übernehmen im Wärmebereich derzeit erst ca. 15 Prozent. Die Gebäudesanierung schreitet langsam voran und Fernwärmenetze decken geschätzt 10 Prozent des Wärmebedarfs. Die steigenden Baukosten und die Zinsentwicklung helfen nicht wirklich bei der notwendigen Beschleunigung der Wärmewende. Aber es wäre ein großer Fehler, jetzt nichts zu tun, gerade bei der Preisentwicklung von Gas und der Dringlichkeit beim Klimaschutz. Wir haben keine Zeit für „halbe Sachen“.

Wir wünschen uns ein mutiges gemeinsames Vorgehen aller Beteiligten. Dafür helfen offener Austausch und Plattformen wie das Gebäudeforum klimaneutral. Es gibt viele gute Lösungen und Ideen – wir können alle voneinander lernen.

Über Carsten Petersdorff und NRW.Energy4Climate

Carsten Petersdorff leitet den Bereich Gebäude & Wärme bei NRW.Energy4Climate. Die nordrhein-westfälische Landesgesellschaft bündelt Kräfte und Ressourcen in den vier am stärksten emittierenden Sektoren: Energiewirtschaft, Industrie, Gebäude und Verkehr. Ziel ist es, die Transformation sektorübergreifend zu beschleunigen, um das Ziel der Klimaneutralität so schnell wie möglich zu erreichen.

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