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„Die Lebenszyklusperspektive als Gewinnerthema begreifen“

Stand: November 2023
Foto, Lisa Graaf

Wie viele CO2-Emissionen verbuchen einzelne Gebäude über ihre gesamte Lebensdauer? Ökobilanzen geben Auskunft und Hinweise, wo Potenziale sind, um diese zu senken. So ist ein Großteil der Emissionen bereits ausgestoßen, noch bevor ein Gebäude überhaupt gebaut ist. Lisa Graaf, Senior Projekt Managerin am Building Performance Institute (BPIE), fordert daher eine gesetzliche Verankerung der Ökobilanzierung. Ein Gespräch über wichtige Lehren aus anderen Ländern und fehlenden Pragmatismus in der deutschen Politik.

Die Ökobilanzierung ist ein Mehraufwand. Warum sollte man sich die Arbeit machen – gerade in der aktuellen Situation? 

Ja, Ökobilanzierungen sind erstmal komplex und binden Ressourcen. Aber: Wer die Lebenszyklusanalyse (LCA) heute schon freiwillig umsetzt, wird damit auf längere Sicht einen klaren Wettbewerbsvorteil genießen. Das Thema nimmt aktuell europaweit enorm an Fahrt auf. Dänemark, Frankreich und die Niederlande haben bereits Lebenszyklus-CO2-Grenzwerte eingeführt, in Schweden besteht bereits eine Offenlegungspflicht und Grenzwerte sind geplant. Zudem gehen eine ganze Reihe Länder momentan vorbereitende Schritte. Deutschland ist da noch etwas zögerlich und hat sich quasi überholen lassen. Immerhin ist aber auch bei uns die Einhaltung von Lebenszyklus-CO2-Grenzwerten Voraussetzung, um etwa die staatliche Förderung im Rahmen des Programms Klimafreundlicher Neubau zu erhalten. Das heißt: Wer lebenszyklusoptimiert bauen und modernisieren kann, profitiert auch heute schon! Und die gesetzliche Regulatorik wird auch bei uns kommen – das ist nur noch eine Frage der Zeit.

Dennoch: Ist klimaschonendes Bauen momentan nicht wesentlich teurer? 

Nicht unbedingt! Auf die CO2-Bilanz zu achten, bedeutet in der Regel auch anders zu planen, mit weniger Material zu bauen – etwa durch Hohlräume im Betonkörper oder indem ich die Tiefgarage weglasse. Und dadurch senke ich auch meine Baukosten. Eine Studie im Auftrag der European Climate Foundation hat beispielsweise gezeigt, dass es auch wirtschaftlich Sinn macht, graue Emissionen zu reduzieren. So kann über ein optimiertes Design eine CO2-Reduktion um 40 Prozent bei gleichzeitiger Kosteneinsparung von bis zu 9 Prozent erzielt werden.

Warum ist die gesetzliche Verankerung der Lebenszyklusanalyse dann noch wichtig? 

Weil die Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eben noch nicht in der Breite angekommen ist. Wir haben vor dem Hintergrund der Klimakrise aber nicht mehr viel Zeit! LCA bedeutet ja, sich die Umweltwirkung eines Gebäudes ganzheitlich anzusehen und zu prüfen: Wie wirken sich die Herstellung der Baumaterialien, der Transport, der Bau selbst, der Betrieb und der Abriss auf die Umwelt aus? Wenn man die Vorketten einbezieht, ist der Gebäudesektor für 40 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland verantwortlich. Über eine verpflichtende LCA werden die relevanten Stellschrauben viel besser in den Blick kommen.

Welche Hebel werden dadurch erkennbar?

Wir sehen dank LCA, dass die meisten Emissionen freigesetzt werden, noch bevor ich einen Stein auf den anderen lege. Das muss man sich einmal klarmachen: Gerade bei einem sehr effizienten Neubau, wie sie ja heute quasi Standard sind, entfallen bis zu 70 Prozent der Emissionen auf die sogenannten grauen Emissionen – die in den Materialien gebunden oder bei der Herstellung entstanden sind. Der Gebäudebestand erhält über eine Lebenszyklusperspektive eine ganz andere Wertschätzung. Denn wenn ich saniere und schon Bestehendes weiternutze, kann ich verhindern, dass diese hohen Emissionen überhaupt erst entstehen. Zum anderen kann ich Neubauten auf Basis von LCA ganz anders planen. Ich frage mich dann vielleicht, wie Räume effizient genutzt werden können, was ich wirklich brauche und natürlich auch, mit welchen Materialien und Produkten ich das baue.

Warum zögert Deutschland, verpflichtende Lebenszyklus-THG-Grenzwerte festzulegen?

Dafür gibt es sicher verschiedenste Gründe. Besonders oft höre ich aber die Sorge, dass alles viel zu komplex ist, dass die Ergebnisse der LCA nicht verlässlich sind und dass wir die notwendigen Produktdaten noch gar nicht haben. In Deutschland wollen wir immer alles perfekt machen. Mit der ÖKOBAUDAT-Datenbank steht uns bereits seit über zehn Jahren eine gute Datenbank zur Verfügung: Sie enthält Daten zu Baumaterialien, Bau-, Transport-, Energie- und Entsorgungsprozessen. Das sind bislang zwar auch noch viele generische Daten, aber mit denen kann man auch bereits in frühen Planungsphasen ganz klar grundlegende Trends erkennen. Natürlich steht außer Frage, dass wir langfristig genauere Daten brauchen. Mein Plädoyer aber ist – und das sehen wir bei den anderen Ländern: Wir müssen erst mal losgehen und uns auch zugestehen, dass wir im Prozess besser werden. Andere Länder sind da viel pragmatischer. Das würde ich mir auch für Deutschland wünschen!

Was können wir von anderen Ländern lernen?

Das knüpft genau daran an: Viele andere Länder haben die Regulatorik eingeführt, obwohl die Datenlage noch dünn war, und steuern dann nach. Dänemark etwa hat keine eigene Produktdatenbank. Die Dänen haben einfach die deutsche Ökobaudat genutzt und angepasst. Auf dieser Basis wurden Lebenszyklus-THG-Grenzwerte für Neubauten ab einer Größe von 2.000 m2 festgelegt, die seit 2023 gelten. Jetzt könnte man sagen, die Regulatorik ist wenig ehrgeizig, denn: Rund 90 Prozent der Neubauten können die Grenzwerte problemlos einhalten. Allerdings hat Dänemark bei Einführung einen Mechanismus eingebaut, dass die Grenzwerte alle zwei Jahre nachgeschärft werden, basierend auf den neusten Daten. Und der Punkt ist: Dänemark hat durch diesen sanften, aber klaren Einstieg einen Perspektivwechsel initiiert, sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung als auch in der Wohnungs- und Bauwirtschaft.

Das bringt mich zum zweiten Punkt: Andere Länder haben ihre Prozesse wesentlich partizipativer gestaltet, wodurch es besser gelungen ist, die Industrie mitzunehmen. Frankreich hatte vor Einführung der Regulierung eine Pilotphase, um den Sektor dabei zu unterstützen, sich auf die Gesetzesänderungen vorzubereiten. Die Erfahrungen daraus wurden in einer Konsultation zusammengetragen und dann wiederum in die Politikentwicklung eingespeist. Oder wieder das Beispiel Dänemark: Hier wurden in einem viermonatigen Prozess in Sektorpartnerschaften Empfehlungen zur Einhaltung der Klimaziele erarbeitet. Dabei hat die Industrie sogar selbst den Punkt „Lebenszyklus-THG-Grenzwerte rechtlich verankern“ gefordert! Das zeigt: Solche Formate sind unheimlich wichtig. Und nach der Debatte aus dem Sommer, Stichwort Heizungshammer, könnten sie auch bei uns für ein ganz anderes politisches Klima sorgen.

Wie könnten die nächsten Schritte in Richtung Regulatorik aussehen?

Grundsätzlich kann eine Offenlegungspflicht der Lebenszyklus-CO2-Emissionen ein nächster Schritt sein, mit klarem Zeitplan, wann gesetzliche Grenzwerte kommen – so macht es Schweden. Oder aber man nimmt sich ein Beispiel an Dänemark und beginnt direkt mit Grenzwerten, die kontinuierlich überprüft und angepasst werden. Die schon bestehende Förderung Klimafreundlicher Neubau kann letztlich auch als ein erster Schritt gesehen werden, um Anreize zu schaffen und das Thema auf die Agenda zu setzen. Und so wird das ja auch wahrgenommen.

Welche Schritte sind von der Gesetzgebung bereits geplant?

Auf EU-Ebene ist der Fahrplan im Rahmen der EPBD-Neufassung eigentlich klar: Die Offenlegungspflicht der Lebenszyklus-THG-Emissionen soll laut Richtlinienvorschlag spätestens bis 2030 kommen. Und eine Strategie zur Verankerung der Lebenszyklusperspektive ist von der Kommission für das erste Quartal 2024 angekündigt. Das bedeutet: Das Thema kommt und wir verlieren Zeit, wenn wir uns jetzt nicht in Bewegung setzen. Deswegen müssen wir anfangen, das Thema vorzubereiten und unterstützende Maßnahmen zu initiieren – auch um mit der Industrie nicht ins Hintertreffen zu kommen: Wichtig ist neben der Förderung von mehr und mehr produktspezifischen Datensätzen, sogenannten Environmental Product Declarations (EPDs), vor allem auch das Wissen und Erfahrung mit LCA zu unterstützen. Andere Länder haben beispielsweise Kompetenzzentren ins Leben gerufen, an denen Webinare und Trainings rundum das Thema LCA angeboten werden. Davon abgesehen ist aber nicht nur die Politik, sondern auch die Praxis für die Umsetzung gefragt.

Was können verschiedene Akteure aus der Baubranche konkret tun? 

Architektinnen und Planende haben einen großen Einfluss, weil eben das Design und die Materialwahl einen großen Einfluss hat. Sie müssen sich mit dem notwendigen Wissen zu LCA vertraut machen und dann die Optionen auch mit den Kunden abwägen. Ebenso gefragt sind aber Hersteller: Sie sollten etwa ihre Produktdaten offenlegen und ihre Herstellungsprozesse CO2-arm umstellen. Und auch Projektentwickler und Investoren könnten sich sofort dazu verpflichten, über die Lebenszyklus-THG-Emissionen zu berichten, oder sogar Grenzwerte für das eigene Portfolio festlegen. Sie sehen, da ist für jeden etwas dabei. Wir haben am BPIE einen Lebenszyklus-Fahrplan entwickelt, in dem wir zentrale Stellschrauben und Meilensteine für die verschiedenen Akteursgruppen auf dem Weg zu einem klimaneutralen Gebäudebestand 2045 aufzeigen.

Wichtig ist mir dabei zu betonen: Das verbleibende Emissionsbudget zur Einhaltung der Klimaziele wird rasant kleiner. Es ist klar, dass wir uns in der Baubranche schleunigst zu bewegen haben. Eine Lebenszyklusperspektive ist aus Klimasicht absolut notwendig! Wir sehen aber auch, dass das Thema für die Industrie Potenzial birgt. Deshalb fände ich es wichtig, das Thema als „Gewinnerthema“ zu begreifen. Die Lebenszyklusanalyse entfacht ganz neue Dynamiken – und wenn wir jetzt loslegen, haben wir am Ende alle etwas davon!

Über Lisa Graaf

Lisa Graaf ist Senior Projekt Managerin am Building Performance Institute (BPIE). Sie ist Autorin der Studie „Regulierung der Lebenszyklus-THG-Emissionen von Gebäuden“, die die Erfahrungen anderer Länder zusammenfasst und auf Basis dessen Empfehlungen für Deutschland ableitet.

Über das BPIE

Das Building Performance Institute (BPIE) ist in Forschungsprojekten für die EU-Kommission zum Thema Lebenszyklusperspektive (Whole Life Carbon) aktiv. Es hat außerdem in mehreren Publikationen die Erfahrungen aus anderen EU-Mitgliedsstaaten analysiert und zusammengetragen. Im INDICATE-Projekt unterstützt das BPIE zusammen mit anderen Partnern weitere Länder beim Aufbau der nötigen Dateninfrastruktur und weiteren Politikmaßnahmen für eine Lebenszyklusregulierung. Außerdem veranstaltet das Berliner Büro etwa halbjährlich einen Runden Tisch „Lebenszyklusperspektive im Gebäudesektor“, an dem Akteure aus der Politik, Think Tanks, Verbänden, NGOs und aus der Praxis teilnehmen.

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