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Vom Strohbau zum Stadtmodell

Kann ein viergeschossiger Strohbau zum Modell für den urbanen Wohnungsbau werden? Das Projekt querbeet gibt die Antwort: Es verbindet Baukultur, Klimaschutz und gemeinschaftliches Wohnen.

Foto, Im Vordergrund stehen zahlreiche leuchtend rote Mohnblumen mit grünen Stängeln und Knospen. Dahinter befindet sich ein modernes, mehrstöckiges Wohngebäude mit weißer Fassade und grauen Elementen im oberen Bereich. Einige Fenster sind geöffnet, auf den Balkonen sind Pflanzen und Möbel zu erkennen. Links wächst ein großer Baum mit dichter grüner Krone. Der Himmel ist hell und klar.

Projekt

Auf einem ehemaligen Exerzierplatz der Lüneburger Schlieffen-Kaserne hat die Baugemeinschaft querbeet zwei viergeschossige Wohnhäuser mit 40 Wohnungen errichtet. Das Anfang 2024 fertiggestellte Ensemble verbindet generationenübergreifendes Wohnen mit einer für diese Gebäudehöhe außergewöhnlichen Konstruktion aus Holz, Stroh und Lehm. Beide Häuser erreichen den Energiestandard KfW 40 Plus.

Die zueinander gewandten Baukörper umfassen einen gemeinschaftlichen Innenhof, auf den auch die beiden Haupteingänge ausgerichtet sind. Gemeinschaftsraum, Co-Working-Bereich, Werkstatt und Waschräume ergänzen die privaten Wohnungen und schaffen Orte für Begegnung und geteilte Nutzung. Balkone und Terrassen bilden geschützte Rückzugsbereiche. Jede Wohnung ist zu zwei Himmelsrichtungen orientiert. Innerhalb des konstruktiven Rasters entstanden differenzierte Grundrisse zwischen 50 und 120 Quadratmetern.

querbeet überträgt die Strohdämmung auf den urbanen Geschosswohnungsbau der Gebäudeklasse 4. Zugleich übersetzt die Architektur den gemeinschaftlichen Anspruch in eine klare räumliche Ordnung: private Wohnungen, gemeinschaftlich genutzte Räume und ein klimaresilient gestalteter Naturgarten greifen ineinander. Das Projekt steht damit beispielhaft für einen Wohnungsbau, der nachwachsende Baustoffe, hohe Energieeffizienz und gemeinschaftliche Projektentwicklung in einem tragfähigen Gesamtkonzept verbindet.
 

  • Baustoffe
  • Energieeffizienz
  • Neubau
  • Wohngebäude
Stand: September 2026

Bautafel

Bauvolumen
• WFL 3.500 m²/ NRF 5.635 m²/ BGF 6.946 m²

Bauzeit
• Spatenstich 2021, Fertigstellung 2023

Gesamtherstellungskosten
• 18,9 Mio. Euro

Energetischer Zustand des Gebäudes (bei Sanierungen: vorher/nachher)
• KfW40+

Verwendetes Material
• Außenwände: Bohlenständerbauweise mit Baustroh, innen und außen mit Lehm bzw. Kalkputz 
• Dachaufbau: 200 bis 300 mm Steinwolle plus Flachdach mit Kies/Gründach/PV 
• Gründung/ Untergeschoss: Stahlbetonsohlplatte, Keller und Tiefgarage in Stahlbeton (weiße Wanne)

Verwendete Gebäudetechnik
• Stromerzeugung: ca. 80 kWP Photovoltaik 
• Speicher: ca. 80 kWh Batteriespeicher 
• Wärmeversorgung: Fernwärme, Anschluss Blockheizkraft für das Baugebiet vorgeschrieben
• Heizung: Fußbodenheizung 
• Lüftung: Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung 

Herausforderungen

Mit querbeet sollte eine Bauweise, die lange vor allem mit kleineren Gebäuden verbunden war, auf den Maßstab einer viergeschossigen Wohnanlage übertragen werden. 40 Wohnungen, hohe energetische Anforderungen und die Regelwerke der Gebäudeklasse 4 trafen auf eine Gebäudehülle aus Stroh, Holz, Lehm und Kalk. Die zentrale Aufgabe bestand darin, die konstruktiven und bauphysikalischen Eigenschaften dieser Materialien mit den Anforderungen eines urbanen Geschosswohnungsbaus in Einklang zu bringen.
Die größte Hürde lag im Brandschutz. Tragende und raumabschließende Bauteile müssen in Gebäudeklasse 4 hochfeuerhemmend ausgeführt werden, da innerhalb dieser Bauteile eine nichtbrennbare Gefachdämmung vorgeschrieben ist. Stroh gilt jedoch als normal entflammbar. Damit stellte sich die grundsätzliche Frage, wie eine direkt mit Lehm und Kalk verputzte Strohdämmung eingesetzt werden kann, ohne die Anforderungen an Lastabtrag, Aussteifung und Brandschutz zu verletzen. Zugleich waren Schallschutz, Wärmebrücken, Luftdichtheit und sämtliche Anschlüsse der Außenwand verlässlich zu planen.

Auch der Maßstab erhöhte die Komplexität. Die Grundrisse von 40 Wohnungen mit Größen zwischen 50 und 120 Quadratmetern sollten möglichst individuell ausfallen. Gleichzeitig verlangten der mehrgeschossige Holzbau und die Gebäudetechnik nach durchgehenden Tragwerks- und Installationslinien. Räumliche Vielfalt und konstruktive Wiederholung mussten daher miteinander vereinbar sein.

Eine weitere Herausforderung war die Taktung der Baustelle. Stroh darf nur trocken eingebaut werden und muss anschließend vor Feuchtigkeit geschützt sein. Lehm- und Kalkputze reagieren auf Temperatur und Luftfeuchte und benötigen ausreichend Zeit zum Trocknen. Der Holzbau, der Stroheinbau sowie die inneren und äußeren Putzarbeiten mussten deshalb so aufeinander folgen, dass Witterung und Jahreszeit weder die Baustoffe noch den Baufortschritt gefährdeten.
 

Ziele & Erfolge

Die konstruktive Lösung trennt Tragwerk und Gebäudehülle. Stützen und Unterzüge aus Brettschichtholz sowie Decken und tragende Trennwände aus Brettsperrholz nehmen die Gebäudelasten auf. Deckenscheiben, Wohnungstrennwände und die Stahlbetonkerne der Treppenhäuser und Aufzüge sichern die Aussteifung. Die Außenwände konnten dadurch als nichttragende Bohlenständerkonstruktion ausgeführt und mit Stroh gedämmt werden. Raumseitig liegt der Lehmputz direkt auf dem Stroh, außen schützt ein Kalkputz die Fassade. Damit ließ sich die gewünschte Naturbaustoffwand auch in Gebäudeklasse 4 realisieren.

Die Trennung der Systeme bleibt im Gebäude ablesbar. Ein Teil der Stützen und Unterzüge ist sichtbar, während Lehmoberflächen und gerundete Fensterlaibungen den Innenräumen eine handwerklich geprägte Materialität geben. Im Staffelgeschoss ergänzt eine hinterlüftete Holzfassade die verputzten Außenwände.

Stahlbeton wurde auf die Bereiche konzentriert, in denen er für Gründung, Untergeschoss, Tiefgarage, Gebäudestabilität und sichere Fluchtwege erforderlich war. In der Tiefgarage konnte auf eine durchgehende Betonbodenplatte verzichtet werden. Die Fläche wurde stattdessen gepflastert. So wurde der mineralische Materialeinsatz auch in dem Gebäudeteil reduziert, der sich aufgrund der Stellplatzvorgaben nicht vermeiden ließ.

Die beiden Häuser erreichen den Standard KfW 40+. Grundlage sind weitgehend passivhaustaugliche Dämmwerte, detailliert geplante Wärmebrücken und eine sorgfältig ausgeführte luftdichte Ebene. Photovoltaikanlagen und groß dimensionierte Batteriespeicher ergänzen das Energiekonzept. Die Wärme liefert ein nahe gelegenes Biogas-Fernwärmekraftwerk. In den Wohnungen wird sie überwiegend über Fußbodenheizungen verteilt. Die im Gebäude vorhandene thermisch wirksame Bauteilmasse und der innenliegende Sonnenschutz reichten aus, um den sommerlichen Wärmeschutz nachzuweisen. Baustellenmessungen bestätigten zudem die gute Schalldämmung der Wände aus Stroh und Lehm.

Insgesamt wurden 787 Tonnen Holz und 765 Kubikmeter regionales Stroh verbaut. Nach einer Berechnung auf Grundlage des Verfahrens der Bayerischen Holzbauförderung speichern die biogenen Baustoffe im Gebäude rund 1.275 Tonnen CO₂, davon entfallen 127 Tonnen auf das Stroh.

Lessons learned

2022

Projekt Nachhaltigkeit

querbeet wurde als „Projekt Nachhaltigkeit 2022“ ausgezeichnet.

2024

Holzbaupreis Niedersachsen

In 2024 ging der Holzbaupreis an das Gemeinschaftswohnprojekt.

2024

Grüne Hausnummer

Das Wohnprojekt aus Lüneburg wurde 2024 von der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen (KEAN) für seine nachhaltige und energieeffiziente Bauweise mit der „Grünen Hausnummer" sowie in 2025 mit dem Landespreis „Zukunfts-Haus" ausgezeichnet.

querbeet zeigt, dass sich Naturbaustoffe im mehrgeschossigen Wohnungsbau nicht einfach gegen konventionelle Materialien austauschen lassen. Tragwerk, Gebäudehülle, Brandschutz und Bauablauf müssen aus ihren Eigenschaften heraus gemeinsam entwickelt werden. Die eigentliche Übertragbarkeit des Projekts liegt daher weniger in einem einzelnen Bauteil als in der konsequenten Planung als Gesamtsystem.

Pionierprojekte dieser Größenordnung brauchen zudem eine Bauherrschaft, die den erhöhten Abstimmungsaufwand und die besonderen Anforderungen der Bauweise mitträgt. Bei querbeet verband sich dieses Engagement mit professioneller Projektentwicklung und spezialisierten Fachplanungen. Erst dieses Zusammenspiel machte aus dem Anspruch ein realisierbares Wohnprojekt.

querbeet belegt damit, dass eine direkt verputzte Strohdämmung auch im viergeschossigen Wohnungsbau technisch umsetzbar ist – verbunden mit hoher Energieeffizienz, reduziertem Einsatz mineralischer Baustoffe und einer eigenständigen architektonischen Qualität.
 

Kontakt & Akteure

Ihr persönlicher Kontakt

querbeet Lüneburg

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Foto, Nahaufnahme von mehreren Stecknadeln in einer Pinwand, die mit Bindfäden untereinander verbunden sind.
Akteure
  • Bauherrin: Baugemeinschaft querbeet GbR
  • Projektentwicklung/ Betreuung: PlanW GmbH
  • Architektur/ Planung: deltagrün Architektur GmbH
  • Tragwerksplanung: Assmann Beraten + Planen GmbH
  • Brandschutz: Dehne, Kruse Brandschutzingenieure GmbH & Co. KG
  • Haustechnik: ingenieurbüro wenzel GmbH, Haustechnik Will GmbH
  • Holzbau: Ökologischer Holzbau Sellstedt GmbH
  • Beton- und Stahlbetonbau: Beecken Bau GmbH
  • Dachdecker: Schreiber Bedachungen
  • Landschaftsarchitektur: Andresen Landschaftsarchitekten