„Wir wollen Ressourcenberater werden – ganzheitlich und qualitativ hochwertig“

Stand: September 2022

Der Bundesverband GIH vertritt als Dachverband rund 3.000 Energieberaterinnen und Energieberater. Geschäftsführer Benjamin Weismann kennt ihre Stärken, Sorgen und Nöte. Im Interview spricht er über die steigende Nachfrage, die Folgen hoher Energiepreise und die Richtung, in die sich das Berufsfeld entwickelt.

Spüren Energieberatende den Energiepreisanstieg und die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine?

Auf jeden Fall. Wir nehmen wahr, dass das gesellschaftliche Interesse wächst – sowohl bei Medienanfragen als auch in der Praxis. Aktuell treibt alle um, wie wir die Abhängigkeit von fossilem Gas senken können. Diese Motivationswelle müssen wir nutzen und deutlich machen: Bei den hohen und wohl langfristig nicht mehr stark sinkenden Energiekosten lohnt es sich noch mehr, Effizienzmaßnahmen durchzuführen. Das gilt für Eigenheimbesitzer genauso wie für Wohnungsunternehmen, die Industrie und den Mittelstand. Damit steigt auch die Nachfrage nach unserer Expertise: Wir helfen, bei energetischen Sanierungen die richtigen Prioritäten zu setzen.

Worin sehen sie die zentrale Aufgabe von Energieberatenden?

Beraten heißt für mich, den Kunden zuzuhören und ihre Situation, Vorstellungen und Wünsche zu berücksichtigen. Wie sind ihre Lebensverhältnisse? Wollen sie nur ökologische Materialen oder geht es ihnen eher um die wirtschaftlichste Lösung? Soll altersgerecht umgebaut werden? In Kombination mit unserem fachlichen Know-how wird daraus eine erfolgreiche Beratung. Dabei sind wir unabhängig und objektiv, da wir nicht an Technologien oder Produkte gebunden sind. Und ich sage ganz klar: Wir wollen nicht einfach individuelle Sanierungsfahrpläne (iSFP) am laufenden Band erstellen, nur um Kunden eine höhere Förderung für eine sowieso geplante Maßnahme zu ermöglichen, sondern passgerechte individuelle Lösungen anbieten.

Haben sich die Beratungsgespräche und Erwartungen der Kundinnen und Kunden in den vergangenen Monaten verändert?

Kunden wollen oft schnell eine Lösung haben. Gerade Wärmepumpen stehen hoch im Kurs. Doch da lohnt sich wieder unser ganzheitlicher Blick, denn nicht überall sind Wärmepumpen sinnvoll. Gerade bei unsanierten Altbauten sollte zuerst eine Dämmung erwogen oder andere Maßnahmen ergriffen werden, um die nötige Vorlauftemperatur abzusenken. Und statt vorschnellem Handeln sollten Lock-in-Effekte verhindert werden: Wenn Sie heute das Dach neu machen und perspektivisch die Außenwände dämmen wollen, denken Sie an einen ausreichenden Dachüberstand! Auch dafür sind wir Energieberater da.

Wie schaffen wir jetzt den Durchbruch für energetische Sanierungen?

Wir müssen alle zusammenarbeiten: Die Energiewende ist eine ganzheitliche Aufgabe aller Akteure im Gebäudebereich, inklusive der Verbände und der Politik. Die Ampel-Koalition tut sich gerade sehr schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die FDP ist gegen ordnungspolitische Vorgaben. Die SPD stellt meist die soziale Frage über nachhaltige Lösungen – dabei ist der unterstellte Gegensatz komplett falsch. Beides muss zusammen und langfristig gedacht werden! Die Grünen scheinen da momentan schon weiter zu sein.

Woran hakt es derzeit politisch?

Die Bundesregierung hat zum Beispiel jüngst die Novelle des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) zum Neubaustandard deutlich entschärft. So bleiben die Anforderungen an die Hülle für weitere zweieinhalb Jahre unangetastet – dabei ist der EH-55-Standard schon längst Baupraxis! Mit diesem Argument wurde ja auch der Neubauförderstopp im Januar offiziell begründet. Wenn man die Klimaneutralität bis 2045 erreichen will, dann muss sich jetzt mindestens das Effizienzhaus 55 durchsetzen, und zwar auch bei der Gebäudehülle. Sonst sind die Ziele nicht erreichbar. Die Folge ist nun: Es werden Gebäude hingestellt, die vor 2045 nochmal saniert werden müssen, um die geforderte Klimaneutralität zu erreichen. Und auch bei der Sanierung gilt: Wenn durch die Hülle viel Energie verloren geht, dann hilft auch die beste Wärmepumpe nichts.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Sanierungswillige und Energieberatende benötigen Planungssicherheit durch langfristige rechtliche und förderrechtliche Rahmenbedingungen. Denn Bauen und Sanieren geschieht nicht über Nacht, der Prozess dauert meist viele Monate oder gar Jahre. Wenn dann die Politik wie vor einigen Wochen bei der Reform der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) innerhalb weniger Tage die Förderbedingungen ändert, führt das zu einem massiven Vertrauensverlust. Insbesondere wenn ganze Programmteile wie die Effizienzhausförderung als Zuschussvariante ersatzlos gestrichen werden. Was auch zur Folge hat, dass schlüssige Sanierungskonzepte oft über Nacht wertlos werden und manch Immobilienbesitzer dann aus Frust gar nicht mehr saniert. Aber auch bei der Abwicklung der Bundesförderprogramme gibt es noch erheblichen Verbesserungsbedarf.

Welche konkreten Vorschläge haben Sie, um die Förderungsabwicklungen zu verbessern?

Es ist nicht nachvollziehbar, dass man bei der KfW meist innerhalb von Sekunden eine Förderzusage erhält, beim BAFA aber fast zwei Monate auf eine händische Prüfung warten muss. Wir fordern daher, dass das Bundesamt – trotz des scheinbar einschränkenden Haushaltsrechts – die gleichen digitalen Möglichkeiten bekommt, rasch und bürgerfreundlich zu agieren. Es sollte das lang erprobte KfW-System übernehmen, das nach einer intelligenten Plausibilitätsprüfung die Anträge sofort freigibt. Für meist ähnlich lautende Standardanträge wie den Fensteraustausch oder den Einbau einer Wärmepumpe sind durch Stichprobenkontrollen unterstützte digitale Freigabeprozesse verlässlich genug und deutlich schneller.

Wie bewerten Sie die Bearbeitung der Förderanträge?

Förderanträge müssen praktikabler sein und vor allem schneller bearbeitet werden. Immer wieder höre ich von Energieberatenden, dass sie ihre Pauschale für Einzelmaßnahmen deutlich erhöhen müssen, weil die Abwicklung in der BEG so kompliziert und aufwändig ist. Durch die Bearbeitungszeiten von mehreren Monaten kommt es zu vielen Nachfragen von Kunden. Allein diese zu beantworten, ist ein großer Zeitfresser. Bei den derzeit massiv steigenden Baupreisen kommt es zudem vor, dass die Förderung die zwischenzeitlich entstandenen Mehrkosten nicht mehr abdeckt. Da weder das BMWK noch die Förderdurchführer ihre Bearbeitungszeiten veröffentlichen, haben wir mit den Daten unserer Mitglieder nun einen Fördermonitor aufgesetzt. Damit können Hausbesitzer sehen, wie lange die Prüf- und Bearbeitungszeiten von BEG-Einzelmaßnahmen und iSFPs derzeit dauern und ihre Planung daran ausrichten.

Welche Energieberatenden vertritt eigentlich Ihr Verband?

Das Problem ist: Jeder kann sich Energieberater nennen. Das ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Die Voraussetzungen für die Mitgliedschaft bei uns im Verband entspricht in etwa den Qualitätsanforderungen der Energieeffizienz-Expertenliste: Wir verlangen eine technisch orientierte Ausbildung und eine anerkannte Zusatzqualifikation als geprüfter Energieberater. Zudem freuen wir uns derzeit über immer mehr Quereinsteiger.

Energieberatende sollten bei Neubau und Sanierung selbstverständlich einbezogen werden, fordern Sie. Wo sollen beim allgegenwärtigen Fachkräftemangel diese Expertinnen und Experten herkommen?

Natürlich sind wir Energieberatende gerade stark ausgelastet. Unsere Mitglieder sind im Durchschnitt 56 Jahre alt, und Nachwuchs zu finden ist nicht einfach, da Handwerksmeister, Techniker, Ingenieure und Architekten gerade auch viel zu tun haben.

Ein wichtiger Schritt war daher die Einführung der sogenannten „Qualitätsprüfung Energieberater“. Nun können Quereinsteigende, die nicht die bisher geltenden Grundausbildungen vorweisen können, aber einen umfassenden Kurs absolvieren und die sehr anspruchsvolle Prüfung bestehen, auch Energieberater bzw. Energieberaterin werden. Unsere Sorgen, dass diese Quereinsteigende über zu wenig fachliche Expertise verfügen, haben sich widerlegt. Denn wer die ambitionierte BAFA-„Qualifikationsprüfung Energieberatung“ besteht, kennt sich aus! Das haben wir bei unserer neu aufgesetzten Weiterbildung zum Energieberater/Energieberaterin mit 200 Unterrichtseinheiten deutlich gemerkt. Aber diese sind noch nicht zu allen Förderprogrammen zugelassen. Wenn sie endlich auch für Effizienzhäuser in der BEG zugelassen sind, wird die Nachfrage nach der Ausbildung weiter steigen.

Wie wird sich die Energieberatung in Zukunft verändern?

Die Beratung muss noch ganzheitlicher werden. In der jetzigen Situation mit sehr hohen Energiekosten und der Angst, dass das Gas nicht über den Winter reicht, müssen Pflöcke für eine möglichst autarke, nicht-fossile Zukunft der Gebäude eingeschlagen werden. Wer sich jetzt noch für eine Gas- oder Ölheizung entscheidet, spart zwar beim Einbau, wird aber aufgrund volatiler Energiekosten und CO2-Preise die Zeche später zahlen. Außerdem sollte es bei der Energieberatung nicht nur um wirtschaftliche Berechnungen gehen. Den Kunden müssen weitere Mehrwerte aufzeigt werden, zum Beispiel Gesundheitsaspekte: In Schulen verbessert sich die Konzentrationsfähigkeit erheblich, wenn durch Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung der Sauerstoffgehalt hoch, das Raumklima besser und das Wohlbehagen gesteigert ist. Außerdem müssen dann die Kinder und Jugendlichen nicht mehr mit Winterjacken in den Klassenzimmern sitzen, weil die Fenster nicht mehr – wie in den letzten Corona-Wintern – alle 20 Minuten geöffnet werden müssen.

Wie kann denn eine hohe Qualität der Beratung sichergestellt werden?

Weiterbildung, Weiterbildung, Weiterbildung. Wir bieten mittlerweile eigene pädagogisch zeitgemäße Qualifizierungskurse ohne Frontalunterricht und mit viel Gruppenarbeit an. Da unser Geschäftsfeld immer komplexer wird – man denke nur an die Nachhaltigkeitszertifizierung, smarte Gebäude, Hochwasserschutz, Sektorkopplung, Ressourceneffizienz – bieten wir mehrere hundert Schulungen im Jahr an, die auch solche Themen aufgreifen.

Über den GIH Bundesverband

Der Energieberaterverband GIH wurde 2001 gegründet. Als Dachverband von 13 Mitgliedsvereinen vertritt er 3.000 qualifizierte Energieberatende bundesweit und ist somit deren größte Interessenvertretung in Deutschland. Mehr unter www.gih.de.

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