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„Klimaneutrale Gebäude ja – aber bitte ohne Irrwege!“

Stand: Juli 2022
Foto, Dr. Jörg Lippert

Als langjähriger Vertreter von öffentlichen, genossenschaftlichen und privaten Wohnungsunternehmen kennt Dr. Jörg Lippert, Leiter Technik beim Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU), die Herausforderungen rund um das Thema Klimaschutz. Ein Gespräch über Sozialverträglichkeit, Erfolgsbeispiele und eine ganzheitliche Betrachtung der Effizienz von Gebäuden.

Herr Lippert, wie steht die Wohnungswirtschaft zu den Klimaschutzzielen im Gebäudebereich?

Wir wollen ganz klar den klimaneutralen Gebäudesektor 2045. Das erfordert erstens schnelleres und ambitionierteres Handeln als bisher. Zweitens müssen wir alle wirklich effizienten Möglichkeiten nutzen, um CO2 zu reduzieren. Deshalb halte ich eine einseitige Schwerpunktsetzung wie beim „Efficiency first“-Ansatz auch für einen Irrweg.

Was meinen Sie konkret?

Um mit Missverständnissen aufzuräumen: Wir müssen sanieren und ineffiziente Gebäudehüllen modernisieren, um sowohl die Verbräuche als auch die Emissionen zu senken. Energetische Ertüchtigung von Gebäuden, um erneuerbare Energien effizient zu nutzen, ist eine sehr wichtige Komponente. Aber Effizienz darf keine Momentaufnahme des Zielerreichungszeitpunktes, sondern muss eine Prozessbetrachtung des wirksamsten Weges dorthin sein. Effizienz sollte komplex und ganzheitlich angegangen werden, um die tatsächlich wirksamsten Hebel und Stellschrauben zu finden und zu nutzen. Ganz platt gesagt: Einfach nur immer dickere Wände mit maximaler Dämmung zu bauen, das greift zu kurz. Die massiven Klimaschutz-Gebäude-Investitionen der vergangenen Jahre haben ihre Planziele real oft nicht erreicht. Deshalb ist Technologieoffenheit auch so wichtig! Es gilt, sinnvolle Maßnahmen so zu kombinieren, dass ein Optimum entsteht. Jedes Gebäude ist anders und hat unterschiedliche Voraussetzungen. Daher braucht es immer individuelle Lösungen und keine pauschalen Standardmaßnahmen.

Wenn Sie das Prinzip „Efficiency First” kritisieren, wälzen Sie dann nicht einseitig die Verantwortung auf den Nutzer ab?

Nein, auf keinen Fall – ganz im Gegenteil. Gerade weil wir immer die Folgewirkungen abschätzen, ist unser Grundsatz: Die Maßnahmen müssen wirtschaftlich und bezahlbar sein, um Nutzer und Eigentümer nicht ökonomisch auszuzehren, aber insbesondere auch wirksam sein. Und das bedeutet für mich: ein optimales Kosten-Nutzen-Verhältnis. Nur so wird es für alle Beteiligten gut – Eigentümer wie Nutzer. Denn es ist ja auch die Frage, wo die Kosten hängen bleiben. In weiten Teilen landen diese über die Modernisierungsumlage bei den Mieterinnen und Mietern, bleiben aber häufig auch beim Vermieter. Gerade dabei denke ich insbesondere an die kommunalen Wohnungsunternehmen und die Genossenschaften, die den Auftrag haben, Wohnen sozialverträglich zu organisieren.

Was wollen Sie als Wohnungswirtschaft tun, um die Klimaziele zu erreichen?

Die wesentlichen vier Hebel für mehr Klimaschutz lauten Gebäudesubstanz, erneuerbare Energien, Anlagentechnik und Nutzerverhalten. Die größten Effekte bringt ein optimales Verhältnis von Gebäudesanierung und Energieträgerumstellung. Aber unsere Zahlen zeigen auch: Allein ein optimierter Betrieb der Heizungsanlagen kann den Energieverbrauch durchschnittlich um 15 Prozent senken. Wir haben 2006 das Projekt „Allianz für Anlagenenergieeffizienz“ initiiert und in zehn Jahren Projektlaufzeit festgestellt, dass ein Großteil der Heizungsanlagen im Betrieb nicht so läuft wie er sollte. Der hydraulische Abgleich ist das Paradebeispiel für eine geringinvestive Maßnahme mit großer Wirkung.

Einen ähnlichen Effekt bringt ein angepasstes Nutzerverhalten. Daher begrüßen wir das grundsätzliche Prinzip der neuen Heizkostenverordnung, wenn auch nicht die Umsetzung: Transparenz schafft Bewusstsein – und zukünftig nicht nur einmal im Jahr, sondern monatlich! Genauso wichtig: Mietern Handlungsoptionen zum Energiesparen aufzeigen. In unseren Analysen ist eines der größten Probleme, das bei laufender Heizung Fenster über einen längeren Zeitraum gekippt bleiben – die pure Verschwendung. Wir regen bei unseren Mitgliedsunternehmen immer wieder an, Mieter zu energiesparendem Verhalten zu motivieren.

Was sind Ihre Lehren aus dem Projekt Lichterfelde-Süd der Märkischen Scholle?

Die Wohnungsgenossenschaft „Märkische Scholle eG“ verfügt in diesem Quartier über mehr als 1.000 Wohnungen in Gebäuden überwiegend aus den 1930er und 1950er Jahren. Wir haben die energetische Modernisierung des Quartiers durch unsere Energiewendestudie eng begleiten lassen. Und siehe da: Beispielsweise Solarenergie dezentral zu erzeugen, zu speichern und zu nutzen funktioniert. Aber das hat auch Grenzen. Zum Beispiel, wenn die solare Wärme an den kältesten Wintertagen oder in Dunkelflauten nicht ausreicht. Dann muss über hybride Systeme auch anders erzeugte Wärme zugeschaltet werden. In Kombination mit einem intelligenten Monitoring- und Energiemanagementsystem wird aber deutlich, dass es ökonomisch und ökologisch sinnvolle Maßnahmen jenseits des Primats der Wärmedämmung gibt. Entscheidend ist hier die Grenznutzenbetrachtung: Die ersten Zentimeter Dämmstoff bringen richtig viel für den Klimaschutz. Soll ein Gebäude aber maximal gedämmt werden, bringen viele weitere Zentimeter zu den gleichen Kosten relativ wenig.

Wie haben sich die CO2-Emissionen Ihrer Mitgliedsunternehmen entwickelt?

Die Wohnungswirtschaft in Berlin und Brandenburg führt seit 15 Jahren ein CO2-Monitoring durch. Rund 100 Mitglieder nehmen daran größtenteils freiwillig teil. Das gibt uns konkrete Anhaltspunkte. Seit dem internationalen Basisjahr 1990 ist der CO2-Ausstoß im Gesamtbestand der BBU-Mitgliedsunternehmen in Berlin um 62 Prozent gesunken, in Brandenburg waren sogar 77 Prozent. Das heißt, wir haben die Klimaschutzziele der Bundesregierung für 2030 heute schon erreicht.

Sie können sich also zurücklehnen?

Nein – wir machen natürlich weiter. Aber es ist ein Beleg dafür, dass wir wirklich effizient sind. Und dafür, dass unsere Erfahrungen genutzt werden können.

Welche Erwartungen haben Sie an die Politik? Was muss besser werden?

Ich würde mir wünschen, dass wir von der Politik besser gehört werden. Wir wollen ja alle das gleiche: möglichst viel Klimaschutz zu möglichst geringen Kosten. Und wir haben dazu viel Erfahrung und wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse. Gleichzeitig kann die Politik auch für mehr gesellschaftliche Akzeptanz der Immobilienwirtschaft werben. Das geht, indem die wirtschaftliche Logik hinter den notwendigen Investitionen besser erklärt wird – und deren Folgen für finanzierbares und bezahlbares Wohnen.

Wo sehen Sie weitere Effizienzreserven?

Ein Thema sind beispielsweise öffentliche Ausschreibungen. Dass ein fixes Ziel definiert wird und der günstigste Preis gewinnt, führt offensichtlich nicht zu optimalen Ergebnissen. So haben Auftraggeber, Architekten und Ausführende keine Chance, in der Planungsphase verschiedene Optionen durchzuspielen. Wir müssen aber unter anderem auch an die Bauordnungen ran. Der Sinn ausufernder Vorgaben sollte hinterfragt werden. Auch die Haftungslogik ist ein großes Problem. Beispiel Statik oder auch Brandschutz: Bei den gegenwärtigen Rahmenbedingungen ist es rational, möglichst viel Stahl und Beton zu verwenden, denn sicher ist sicher – aber nicht klimafreundlich. Die ganzheitliche Betrachtung in Lebenszyklen und die Einbindung grauer Energien sind weitere Aspekte. Das sind wesentliche Ansatzpunkte, um das Gesamtsystem Bauwirtschaft effizienter und klimaschonender zu machen.

Wie bewerten Sie den Austausch zwischen den Akteuren des Gebäudesektors?

Wir müssen mehr miteinander sprechen – daran führt kein Weg vorbei. Ich werbe dafür, dass das gegenseitige Verständnis auf allen Seiten wächst. Deshalb sind auch Plattformen wie das Gebäudeforum klimaneutral so wichtig. Gerade in den vergangenen Monaten nimmt der Austausch spürbar zu. Ich glaube fest daran, dass ein lösungsorientierter Dialog über den besten Weg – trotz teilweise unterschiedlicher Auffassungen – uns zu einem klimaneutralen Gebäudebestand bringen wird.

Über den BBU

Unter dem Dach des BBU vereinen sich rund 340 öffentliche, genossenschaftliche, private und kirchliche Wohnungsunternehmen. Zusammen bewirtschaften sie gut 1,1 Millionen Wohnungen in Berlin und Brandenburg. Das sind jeweils gut 40 Prozent des Berliner und des brandenburgischen Mietwohnungsbestandes. Mehr unter www.bbu.de.

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