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„Einfach bauen heißt nicht, schlechter zu bauen“

Stand: Juli 2026

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Foto, Julia Dorn und Martin Bittmann

Der Gebäudetyp E soll Bauen einfacher, günstiger und klimafreundlicher machen. Julia Dorn und Martin Bittmann von BuildSystems haben mit der Plattform-E eine Anlaufstelle geschaffen, die Projekte, Wissen und Akteure rund um einfaches und experimentelles Bauen vernetzt.

Im Interview erklären sie, warum es dabei nicht um weniger Qualität geht – sondern um bessere Entscheidungen, mehr Vertrauen und eine neue Baukultur.

Frau Dorn, Herr Bittmann, der Gebäudetyp E wird häufig als Antwort auf steigende Baukosten diskutiert. Ist er auch ein Thema für klimaneutrales Bauen?

Julia Dorn: Unbedingt. Die Kostenfrage ist zwar ein wichtiger Ausgangspunkt, aber sie hängt eng mit vielen Themen der Nachhaltigkeit zusammen. Einfacher zu bauen bedeutet: weniger Material, weniger Energie, weniger Emissionen. Dahinter stehen Fragen nach Effizienz, Konsistenz und vor allem Suffizienz: Was brauchen wir wirklich? Was können wir anders lösen? Und wo müssen wir auch über Komfort sprechen?

Das klingt nach Verzicht.

Martin Bittmann: Es geht nicht darum, schlechtere Gebäude zu bauen. Es geht darum, zu hinterfragen, ob Standards, die hohe Kosten und Emissionen verursachen, im konkreten Projekt überhaupt einen klaren Mehrwert bringen. Gerade beim zirkulären Bauen oder bei nachwachsenden Baustoffen sehen wir: Viele gute Ansätze scheitern heute daran, dass sie gegenüber konventionellen Lösungen kaum wettbewerbsfähig sind. Wenn Anforderungen sinnvoll reduziert oder anders ausgelegt werden, kann das solche Ansätze stärken.

Wo liegt der größte Hebel?

Julia Dorn: Das hängt stark vom Projekt ab. Im Wohnungsbau spielen oft Stellplätze, Tiefgaragen, Keller oder Schallschutz eine große Rolle. Bei Schulen kann die Gebäudetechnik ein riesiger Hebel sein, weil viele Schulgebäude heute sehr stark technisiert sind – etwa durch automatisierte Lüftung. Wenn man sich wieder stärker auf einfache, robuste Lösungen besinnt, kann man Komplexität und so auch Kosten deutlich reduzieren.

Also Fenster auf statt Lüftungsanlage?

Martin Bittmann: In manchen Fällen ja. Natürlich nicht als pauschales Konzept, sondern als planerische Frage: Was ist angemessen? Muss jede Funktion automatisiert werden? Oder kann man Räume so planen, dass sie auch mit weniger Technik gut funktionieren? Der Gebäudetyp E zwingt dazu, am Anfang sehr genau über den Bedarf zu sprechen. Diese strategische Bedarfsplanung ist zentral.

Was ist der Gebäudetyp E eigentlich genau?

Julia Dorn: Der Begriff steht erstmal für einfaches Bauen. Eine offizielle, bundesweit verbindliche Definition gibt es bisher noch nicht. Es gibt verschiedene Initiativen – etwa die Gebäudetyp-E-Pilotprojekte in Bayern, den Hamburg-Standard oder den Regelstandard Erleichtertes Bauen in Schleswig-Holstein. Alle verfolgen ähnliche Ziele, legen das Thema aber unterschiedlich aus.

Was sind die rechtlichen Herausforderungen für einfaches Bauen?

Martin Bittmann: Bauen wird durch mehrere Ebenen beeinflusst: Bundesgesetze wie das Gebäudeenergiegesetz, das Landesbauordnungsrecht mit technischen Baubestimmungen und das Zivilrecht. Bei Letzterem geht es vor allem um den Verbraucherschutz und die Einhaltung der allgemein anerkannten Regeln der Technik. Gerade diese Regeln sind jedoch häufig nicht eindeutig definiert. Das erschwert es, bewusst und rechtssicher von ihnen abzuweichen.          

Kann man trotzdem heute schon einfacher bauen?

Julia Dorn: Ja, aber es kommt sehr auf das Projekt und die Beteiligten an. Wenn ein Projekt als Gebäudetyp E bezeichnet wird, sensibilisiert das erst einmal alle: Hier soll etwas anders laufen. Rechtlich wird seit einiger Zeit über einen Gebäudetyp-E-Vertrag diskutiert, der Abweichungen besser absichern soll. Bislang steht der Vertrag aber nur in einem Eckpunktepapier des Bau- und des Justizministeriums und stellt noch keine Rechtsgrundlage dar.      

Was darf man beim Gebäudetyp E anders machen?

Martin Bittmann: Sicherheitsrelevante Themen wie Standsicherheit oder Brandschutz stehen nicht zur Disposition. Es geht nicht darum, Sicherheit zu reduzieren. Es geht unter anderem um Komfortstandards, Bauphysik, Schallschutz, Stellplätze und technische Ausstattungen. Also um Bereiche, in denen man fragen kann: Ist diese Anforderung wirklich notwendig? Oder gibt es eine einfachere Lösung, die dieselbe oder sogar eine bessere Qualität ermöglicht?

Haben Sie ein Beispiel?

Julia Dorn: Ein viel diskutiertes Beispiel ist das Haus ohne Heizung. Dort wurde auf mehreren Ebenen anders geplant: Es gab eine Befreiung vom Gebäudeenergiegesetz, ein Mobilitätskonzept ermöglichte Abweichungen beim Stellplatzschlüssel, und auch bei der Konstruktion wurden Dinge anders vereinbart. Bei der Stahlarmierung einer Decke ging es zum Beispiel nicht um Standsicherheit, sondern um mögliche Rissbildung. Bauherrschaft und Planung haben vereinbart, dass ein geringerer Standard akzeptiert wird.

Das heißt: Wenn später ein kleiner Riss entsteht, wird nicht sofort geklagt?

Martin Bittmann: Genau. Aber das funktioniert nur, wenn die Beteiligten wissen, worauf sie sich einlassen. In diesem Beispiel war die Bauherrin eine städtische Wohnungsbaugesellschaft – also eine professionelle Akteurin. Ein Bestandshalter kann mit bestimmten rechtlichen Folgen anders umgehen. Bei einer Eigentumswohnung, die vom Plan weg an private Käufer verkauft wird, sieht die Risikolage ganz anders aus. Das ist der Angstfaktor: Kein Entwickler will, dass der Käufer am Ende mit seinem Sachverständigen durch die teure Wohnung läuft und 200 Mängel findet.

Sind die allgemein anerkannten Regeln der Technik nicht auch ein Qualitätsversprechen?

Julia Dorn: Das ist die Grundfrage. Sind diese Regeln immer gleichbedeutend mit hoher Qualität? Oder bilden sie manchmal einen Standard ab, der teuer, komplex und nicht in jedem Fall sinnvoll ist? Wir sagen nicht: Regeln sind schlecht. Aber man muss sie hinterfragen dürfen. Qualitätssicherung neuer innovativer Ansätze kann im ersten Schritt auch anders entstehen – durch Transparenz, Monitoring, öffentliche Diskussion und die Auswertung realer Projekte.

Was bedeutet Monitoring konkret?

Martin Bittmann: Man schaut nach der Fertigstellung, wie ein Gebäude tatsächlich funktioniert: Wie performt es? Wie nutzen die Menschen es? Fühlen sie sich wohl? Solche Erkenntnisse zeigen, welche Vereinfachungen funktionieren und welche vielleicht nicht. Wir müssen als Branche stärker lernen, aus gebauten Projekten systematisch Erkenntnisse abzuleiten.

Gibt es ein Projekt, an dem man das besonders gut sieht?

Martin Bittmann: Das Haus ohne Heizung, das wir vorhin erwähnt haben. Die Öffentlichkeit war enorm interessiert, sogar die ARD hat eine Reportage gedreht – und wollte vor und nach dem Winter wissen, ob dort wirklich niemand erfroren ist.

Und – waren alle noch da?

Julia Dorn: Alle noch da. Es gibt ja eine Notheizung, eine Papierheizung. Genau das ist der Punkt: Solche Ansätze funktionieren – und die Menschen, die darin wohnen, bekommen beim einfachen Bauen endlich mehr Gewicht. Nutzerzentrierte Planung, da muss die Branche besser werden.

Gibt es nicht das Risiko, dass einfach gebaute Gebäude schneller wieder saniert werden müssen?

Julia Dorn: Eher umgekehrt: Gute einfache Gebäude können weniger sanierungsanfällig sein. Entscheidend sind Robustheit, reduzierte Komplexität und eine lebenszyklusorientierte Planung. Heute ist vieles verklebt, verdeckt oder schwer zugänglich. Wenn später saniert werden muss, wird oft mehr entfernt und entsorgt als nötig. Einfaches Bauen kann bedeuten, Primärkonstruktion, Innenausbau und Haustechnik klarer zu trennen.

Welche Rolle spielt der Gebäudetyp E im Bestand?

Martin Bittmann: Der Bestand ist mindestens genauso wichtig, vielleicht sogar wichtiger. Wir haben ein Neubauproblem, aber vor allem auch eine riesige Aufgabe im Bestand. Sanierungen, Aufstockungen, Nachverdichtungen und Umnutzungen sind zentrale Felder. Gerade dort kann einfaches und experimentelles Bauen neue Möglichkeiten eröffnen.

Zum Beispiel?

Julia Dorn: Wenn wir Bestandsgebäude immer auf Neubaustandard bringen wollen, schränken wir uns stark ein. Wenn man bei der Umnutzung von Gewerbe zu Wohnen dieselben Anforderungen wie im Neubau anlegt, scheitern viele Projekte. Wenn man genauer hinschaut, was wirklich nötig ist, werden andere Lösungen möglich.

Was muss sich in der Baukultur ändern?

Martin Bittmann: Der Gebäudetyp E funktioniert nur kooperativ. Einfacher zu bauen ist in der Planung oft erst einmal aufwendiger, weil man nicht nur Normen abarbeitet. Man muss begründen, dokumentieren, abwägen und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Heute denken viele Akteure noch in Silos. Dazu kommen falsche Anreize: Wenn ein Haustechnikplaner weniger Technik plant, sinkt unter Umständen auch sein Honorar. Wir brauchen Vertrags- und Vergütungsmodelle, die gute Vereinfachung wertschätzen.

Gibt es Fehlanreize auch anderswo?

Julia Dorn: Ja, in der Förderlandschaft. Gewisse Programme stellen Anforderungen, die die Kosten wieder nach oben treiben. Das ist paradox, wenn das Ziel günstiger Wohnraum ist. In vielen Projekten wird genau darum gerungen und um Abweichungen verhandelt; mal lässt sich das verhandeln, mal fehlen schlicht die Ansprechpartner.

Wie kommt der Gebäudetyp E in die Breite?

Julia Dorn: Es gibt unterschiedliche Wege. Der Hamburg-Standard ist von Anfang an stärker auf Skalierung ausgelegt. Dort werden bestimmte Vereinfachungen vorbereitet und mit Mustervertragsklauseln hinterlegt. Die bayerischen Pilotprojekte öffnen den Raum eher experimentell: Viele Projekte probieren Unterschiedliches aus, danach kann man bewerten, was verallgemeinerbar ist. Der Schritt der Verallgemeinerung und Skalierung fehlt aktuell noch in Bayern.

Und was ist skalierbar?

Martin Bittmann: Nicht jeder Ansatz. Aber gut dokumentierte Entscheidungen sind reproduzierbar. Wenn ein Projekt zeigen kann, wie eine Abweichung begründet, genehmigt, vertraglich abgesichert und umgesetzt wurde, hilft das anderen. Dann kann man gegenüber Behörden oder Auftraggebern sagen: Das ist kein Blindflug, es gibt gute Referenzbeispiele, die sich bewährt haben.

Dafür haben Sie die Plattform E gegründet. Was soll sie leisten?

Julia Dorn: Die Plattform E folgt dem Gedanken: aus der Praxis für die Praxis. Wir wollen zeigen, welche Projekte bereits umgesetzt wurden, welche Vereinfachungen dort vorgenommen wurden und unter welchen Bedingungen das funktioniert hat. Es geht nicht darum, Allgemeingültigkeit zu behaupten. Es geht darum, Wissen aus der Praxis so aufzubereiten, dass andere es nutzen können.

Was findet man dort konkret?

Martin Bittmann: Projekte, umgesetzte Maßnahmen, angewandte Prozesse, bautechnische Ansätze, deren rechtliche Lösungen und beteiligte Akteure. Uns interessiert: Was wurde vereinfacht? Warum? Wie wurde es erreicht? Welche Vorteile hat es? Gab es Nachteile? Und was sollte man vielleicht nicht wiederholen? Gerade diese ehrliche Auswertung ist wichtig.

Wen wollen Sie erreichen?

Julia Dorn: Die gesamte Wertschöpfungskette einfacher Projekte: Bauherrschaften, Projektentwickler, Investoren, Planende, Fachplaner, Juristinnen, Versicherungen, öffentliche Hand. Besonders wichtig ist die auftraggebende Seite. Dort muss das Verständnis entstehen, dass einfaches Bauen kein einzelner planerischer Kniff ist, sondern ein Teamprozess.

Was ist Ihr Ziel?

Martin Bittmann: Dass wir vom Leuchtturm zum New Normal kommen. Einfaches und experimentelles Bauen soll nicht jedes Mal bei null anfangen. Wenn Wissen geteilt wird, wenn Projekte voneinander lernen und wenn die richtigen Akteure zusammenfinden, kann daraus eine Bewegung entstehen.

Wenn Sie den Gebäudetyp E in einem Satz erklären müssten: Wie würde er lauten?

Julia Dorn: Gebäudetyp E bedeutet, bewusst einfacher zu bauen, ohne Sicherheit und Qualität aufzugeben – und dabei Ressourcen, Kosten und Lebenszyklus von Anfang an mitzudenken.

Über die Interviewten

Julia Dorn

Julia Dorn ist Urban Designerin, DGNB-Consultant und ESG-Managerin. Sie studierte Architektur an der TU Wien sowie Urban Design an der TU Berlin und arbeitete dort später auch in der Forschung, unter anderem zu digitalen Infrastrukturen und Circular Economy. Bei BuildSystems liegt ihr Fokus auf systemischen Barrieren, räumlicher und urbaner Zukunftsfähigkeit sowie transformativen Strategien für die Bauwende.

Martin Bittmann

Martin Bittmann ist Architekt, Energieeffizienz-Experte und Nachhaltigkeitsauditor. Er studierte Architektur an der Technischen Universität München sowie der Istanbul Technical University und arbeitete unter anderem bei Herzog & de Meuron, raumstation Architekten sowie Euroboden. Er war mehrere Jahre an der TU München, der Universität Stuttgart und der TU Berlin in Lehre und Forschung tätig. Bei BuildSystems beschäftigt er sich vor allem mit ressourcenschonendem und nachhaltigem Bauen sowie mit neuen Ansätzen für Neubau und Bestandstransformation.

BuildSystems

BuildSystems ist ein Innovations- und Nachhaltigkeitsbüro, das Julia Dorn und Martin Bittmann 2023 gegründet haben. Das Büro arbeitet an der Schnittstelle von Strategie, Praxis und Wissenstransfer und begleitet die Transformation der Bau- und Immobilienwirtschaft. Im Mittelpunkt stehen nachhaltige Strategien, konkrete Planungs- und Bauprojekte.

Plattform E

Die Plattform-E wurde 2025 von BuildSystems initiiert und versteht sich als überregionale Wissens- und Austauschplattform für einfaches und experimentelles Bauen. Sie sammelt Praxiserfahrungen, bereitet Projekte systematisch auf und macht konkrete Ansätze für unterschiedliche Zielgruppen zugänglich. Im Fokus steht die Frage, welche Vereinfachungen in Bauprojekten möglich sind, wie sie rechtlich, planerisch und bautechnisch umgesetzt wurden und was andere daraus lernen können. Die Plattform folgt dem Leitgedanken „aus der Praxis für die Praxis“ und soll dazu beitragen, den Gebäudetyp E von Piloten stärker in die Breite zu bringen.

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