Sanierung skalieren: Der 7-Punkte-Plan für standardisierte Abläufe
Stand: Juli 2026Artikel
Energetische Sanierungen im Gebäudebestand werden häufig projektbezogen und individuell umgesetzt. Dadurch sind Abläufe nur begrenzt übertragbar und eine Umsetzung in größerem Maßstab bleibt schwierig.
Der Ansatz des Sanierungssprints zielt darauf ab, Sanierungen systematisch zu organisieren und auf größere Bestände zu übertragen. Eine zentrale Grundlage dafür bildet ein strukturierter Ablauf, der Planung, Umsetzung und Beteiligung verschiedener Akteure miteinander verknüpft.
Dieser Beitrag basiert auf einem Interview mit Ronald Meyer. Er ist Bauingenieur und Entwickler des Sanierungssprints und verfügt über langjährige Erfahrung in der Planung und Umsetzung von Bau- und Modernisierungsprojekten.
Warum Sanierung heute schwer skalierbar ist
In der bestehenden Praxis werden Sanierungen meist für einzelne Gebäude entwickelt. Da Planung und Umsetzung jeweils auf das einzelne Projekt zugeschnitten sind, lassen sich Erfahrungen nur eingeschränkt auf andere Vorhaben übertragen.
Das führt dazu, dass:
- Prozesse immer wieder neu aufgesetzt werden.
- vorhandenes Wissen nur begrenzt genutzt wird.
- die Umsetzung stark vom Einzelfall abhängt.
Eine Skalierung auf größere Bestände ist unter diesen Bedingungen nur eingeschränkt möglich.
Die Umsetzung erfolgt häufig erst dann, wenn einzelne Eigentümer aktiv werden und eine Sanierung anstoßen.
Der 7-Punkte-Plan als strukturierter Ansatz
Um Sanierungen systematisch umzusetzen, wurde ein mehrstufiger Ablauf entwickelt. Der sogenannte 7-Punkte-Plan beschreibt die zentralen Schritte von der Analyse bis zur Umsetzung. Ziel ist es, die notwendigen Prozessschritte nachvollziehbar zu strukturieren und die beteiligten Akteure frühzeitig einzubinden.
Wie der Sanierungssprint in der Praxis funktioniert, wurde bereits wissenschaftlich untersucht. Die Denkfabrik Agora Energiewende und die DENEFF (Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz) haben dafür die ersten Pilotprojekte eng begleitet und ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, wie standardisierte Prozesse die Bauzeiten drastisch verkürzen und das Handwerk entlasten können. Die vollständige Begleitstudie sowie weiteres Informationsmaterial sind auf der Website der DENEFF abrufbar.
Auch auf politischer Ebene gewinnt dieser strukturierte Ansatz zunehmend an Bedeutung. Das aktuelle Maßnahmenpapier zum Gebäude-Sanierungs-Kompass (GSK) im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) betont, wie wichtig standardisierte und optimierte Abläufe für eine schnellere Gebäudewende sind. Der 7-Punkte-Plan liefert dafür das passende Werkzeug: Er dient Kommunen und Energieagenturen als praktischer Leitfaden, um das regionale Handwerk und die Eigentümer vor Ort systematisch zusammenzubringen. So lassen sich die politischen Ziele Schritt für Schritt in einfache, wiederholbare Abläufe auf der Baustelle übersetzen.
Die sieben Schritte im Überblick
1. Regionale Ausgangslage analysieren
Der Gebäudebestand und die spezifischen Rahmenbedingungen vor Ort werden erfasst, um den Sanierungsbedarf einzuordnen.
2. Handwerk einbinden
Regionale Handwerksbetriebe werden informiert und in die Planung einbezogen. Ziel ist es, geeignete Akteure frühzeitig einzubinden. Im Rahmen von Arbeitstreffen werden Handwerksbetriebe über die geplanten Abläufe informiert und zur Mitwirkung eingeladen.
3. Gemeinsames Prozessverständnis schaffen
Die beteiligten Gewerke werden aufeinander abgestimmt und für eine gewerkeübergreifende Zusammenarbeit vorbereitet.
4. Eigentümerinnen und Eigentümer ansprechen
Geeignete Gebäude und interessierte Eigentümerinnen und Eigentümer werden identifiziert und in den Prozess eingebunden.
5. Gebäudetypologien bilden
Ähnliche Gebäude werden zusammengefasst, um standardisierte Lösungen entwickeln und übertragen zu können. Dabei werden konkrete Gebäude vor Ort erfasst und nach gemeinsamen Merkmalen zusammengeordnet.
6. Projekte konkret vorbereiten
Handwerkskapazitäten und konkrete Gebäude werden zusammengeführt, sodass eine gezielte Planung möglich ist. Die Zuordnung erfolgt gebäudespezifisch, sodass passende Teams für einzelne Gebäude gebildet werden können.
7. Umsetzung im Sanierungssprint
Die Sanierungen werden strukturiert und koordiniert durchgeführt, wobei Gebäude nacheinander bearbeitet werden. Die Umsetzung erfolgt in festgelegten Zeiträumen, in denen einzelne Gebäude vollständig bearbeitet werden.
Von der Analyse zur Umsetzung
Der 7-Punkte-Plan verknüpft mehrere Ebenen: die Betrachtung regionaler Strukturen, die Einbindung von Akteuren sowie die konkrete Umsetzung von Maßnahmen.
Durch diese Verknüpfung wird es möglich, Sanierungen nicht nur projektbezogen, sondern systematisch zu organisieren. Die einzelnen Schritte bauen aufeinander auf und schaffen die Grundlage für wiederholbare Abläufe.
Vorbereitungstreffen
Ein Vorbereitungstreffen der beteiligten Handwerksbetriebe, Energieberatenden und Planenden findet in der Regel vier bis sechs Wochen vor Beginn des Sanierungssprints statt. Bei diesem Termin lernt sich das Team kennen, bespricht den Bauzeitenplan und stimmt die wesentlichen Schnittstellen ab. Der Sanierungscoach oder auch die anwesende Planungsfachkraft weisen zudem auf mögliche Besonderheiten des Gebäudes hin. Ziel ist es, die Baustelle zum Beginn der Umsetzung möglichst gut vorzubereiten.
Insgesamt soll beim Vorbereitungstreffen auch die mit dem Sanierungssprint einhergehende neue Prozesskultur vermittelt werden. Im Mittelpunkt stehen eine enge Abstimmung der Beteiligten, klare Verantwortlichkeiten und eine gewerkeübergreifende Zusammenarbeit.
Abstimmung zwischen Angebot und Nachfrage
Ein zentrales Element des Ansatzes ist die gezielte Zusammenführung von verfügbaren Kapazitäten und konkreten Sanierungsbedarfen.
Durch die strukturierte Ansprache von Eigentümerinnen und Eigentümern sowie die Einbindung des Handwerks können:
- geeignete Gebäude identifiziert
- vorhandene Kapazitäten genutzt
- Projekte gezielt vorbereitet
werden. Dabei werden Eigentümerinnen und Eigentümer und Handwerksbetriebe direkt miteinander in Kontakt gebracht.
Skalierung als strukturierter Prozess
Der 7-Punkte-Plan verdeutlicht, dass die Übertragung auf größere Gebäudebestände eine systematische Organisation von Prozessen erfordert.
Voraussetzungen dafür sind:
- klar definierte Prozessschritte
- abgestimmte Abläufe
- wiederholbare Strukturen
Unter diesen Bedingungen können die beschriebenen Abläufe auf weitere Gebäude übertragen werden.
Vom Einzelprojekt zum Quartier
Das Konzept des Sanierungssprints sieht als nächsten Entwicklungsschritt vor, den Ansatz vom Einzelprojekt auf größere Gebäudebestände zu übertragen. Dafür wird folgendes Vorgehen vorgeschlagen:
- Feste Handwerkerteams zusammenstellen und mittels einer Pilot-Baustelle weiterbilden und trainieren.
- Präsentation der Teams („Sprint-Allianzen“, denen auch Energieberater und Sanierungscoachs angehören) bei einer Hauseigentümer-Infoveranstaltung.
- Festlegen einer Sanierungsreihenfolge des regionalen Gebäudebestands: Start mit den Worst Performing Buildings (WPB).
- Einteilung der Teams in eine fest vorgegebene Projektreihenfolge, um wiederkehrende Abläufe zu ermöglichen.
Der Ansatz zeigt, wie organisatorische Strukturen, wiederholbare Abläufe und regionale Zusammenarbeit miteinander verknüpft werden können, um Sanierungen in größerem Umfang umzusetzen.