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„Ausgerechnet die Bauwirtschaft könnte die Moore retten"

Stand: August 2026

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Foto, Bas Spanjers

Trockengelegte Moore verursachen in Deutschland rund sieben Prozent der Treibhausgasemissionen. Mithilfe von Paludikulturen könnten sie wiedervernässt und zugleich wirtschaftlich nutzbar gehalten werden – etwa mit dem Anbau von Schilf, Rohrkolben oder Seggen.

Paludi-Experte Bas Spanjers erklärt, warum ausgerechnet die Bauwirtschaft dabei ein wichtiger Schlüssel ist.

Herr Spanjers, wenn es um Klimaschutz geht, denken die meisten Menschen an Windräder, Wärmepumpen oder Elektroautos. Warum sollten wir über Moore reden?

Weil dort auf sehr kleiner Fläche sehr viel zu holen ist. Moorböden machen nur rund 5 Prozent der Fläche Deutschlands aus, entwässerte Moore verursachen aber rund sieben Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen. Wenn wir diese Flächen wieder vernässen, können wir die Emissionen deutlich senken. Gleichzeitig halten nasse Moore Wasser in der Landschaft und kühlen durch Verdunstung – auch das wird in heißen, trockenen Sommern immer wichtiger.

Und was genau ist dann Paludikultur?

Paludikultur ist die land- und forstwirtschaftliche Nutzung nasser und wiedervernässter Moorböden. Geerntet wird die oberirdische Biomasse von Pflanzen, die mit hohen Wasserständen zurechtkommen – zum Beispiel Schilf, Rohrkolben oder Seggen. Der Torf soll dabei nass bleiben und erhalten werden. Es gibt im Grunde zwei Wege. Bei einer Nasswiese hebt man den Wasserstand an und nutzt die Vegetation, die sich dort von selbst entwickelt. Das sind häufig sehr vielfältige, biodiverse Bestände. Daneben gibt es Anbau-Paludikulturen, bei denen gezielt etwa Rohrkolben, Schilf oder homogene Seggenbestände etabliert werden. Diese Kulturen liefern Rohstoffe, sind aber in Anbau und Wassermanagement deutlich anspruchsvoller.

Wenn die Flächen nass werden, funktioniert die bisherige Landwirtschaft dort aber nicht mehr.

Genau das ist die Herausforderung. Auf entwässertem Grünland wachsen Süßgräser, die etwa als Viehfutter genutzt werden. Wird die Fläche nass, verändern sich die Bestände. Dann wachsen Seggen, Binsen oder andere Pflanzen, mit denen die Tierhaltung wenig anfangen kann. Zugleich lässt sich nasser Boden nicht mehr mit Tieren und schweren Maschinen bewirtschaften.

Wie kann es trotzdem gelingen?

Wir brauchen neue Wertschöpfungsketten – oft gehen wir das Thema aber nur einseitig an. Erst vernässen wir eine Fläche, dann fragen wir: Wohin mit der Biomasse? Wenn ein Landwirt jedoch weiß, dass jemand sein Material zu einem vernünftigen Preis abnimmt, wird die Umstellung viel attraktiver. Landwirte sagen mir immer wieder: Wir können vieles anbauen, es muss nur wirtschaftlich sein. Wenn wir wirklich große Moorflächen vernässen wollen, brauchen wir also zuerst verlässliche Absatzmärkte. Die Moor-Wiedervernässung fängt bei der Wertschöpfung an.

Und einer dieser Märkte könnte die Bauwirtschaft sein?

Für mich ist sie einer der interessantesten Märkte, weil es hier einen großen Bedarf gibt. Aus Paludi-Biomasse lassen sich ganz unterschiedliche Bau- und Dämmstoffe entwickeln. Schilf wird traditionell für Reetdächer genutzt, aber auch für Schilfmatten und Dämmprodukte. Rohrkolben eignet sich für Dämmplatten, und aus Seggen oder gemischter Nasswiesenbiomasse können Faser- und Plattenwerkstoffe hergestellt werden. Es gibt außerdem Versuche mit Paludi-Material als Füllstoff, zum Beispiel in Türen. Wir stehen bei vielen Produkten noch am Anfang. Aber die Spannbreite ist groß – vom klassischen Reetdach über Dämmstoffe und Bauplatten bis hin zu Komponenten für den Innenausbau.

Was macht die Materialien aus Klimasicht so interessant?

Bei Bau- und Dämmstoffen aus Paludikulturen wirkt der Klimavorteil gleich fünffach: Erstens, wir können fossile oder mineralische Rohstoffe ersetzen. Zweitens, auf der Fläche sinken die Treibhausgasemissionen. Drittens, der Kohlenstoff der Pflanze bleibt in langlebigen Produkten gespeichert. Viertens, die Pflanzen – etwa Seggen und Schilf – bilden unterirdisch unterirdisch weiter Biomasse, sodass das Moor trotz der Ernte wachsen kann. Und fünftens, wenn Verarbeitung und Nutzung regional stattfinden, verkürzen sich zusätzlich die Transportwege.

Wir brauchen diese Wertschöpfungsketten nicht, weil wir unbedingt neue Baustoffe erfinden möchten. Wir brauchen sie, weil wir die Moore fürs Klima wiedervernässen müssen. Und gleichzeitig können wir durch den Moorschutz die Bauwirtschaft auf den Pfad der Klimaneutralität bringen.

Schilf ist allerdings alles andere als ein neuer Baustoff.

Genau. Wir reden über innovative Baustoffe und landen bei Schilf – einem der ältesten Baustoffe überhaupt. Früher wurde auch in Ostdeutschland sehr viel Reet geerntet. Heute kommt ein großer Teil des verwendeten Schilfs aus dem Ausland. Dabei könnten wir diesen Rohstoff wieder regional erzeugen und gleichzeitig Moorflächen nass halten. Viele Moorpflanzen bringen außerdem interessante technische Eigenschaften mit. Sie besitzen Luftkammern, sogenannte Aerenchyme, mit denen sie Sauerstoff bis zu den Wurzeln transportieren. Diese luftreiche Struktur ist für Dämmstoffe interessant. Schilf und Rohrkolben sind zudem durch ihren hohen Silikatanteil sehr stabil und unempfindlich gegen Feuchtigkeit. Bei einem bekannten Fertighaushersteller werden beispielsweise Türfüllungen mit Paludi-Biomasse getestet. Dabei zeigten sich hervorragende akustische Eigenschaften. Solche Versuche sind wichtig, weil der ökologische Vorteil allein nicht reicht. Das Material muss immer auch technisch überzeugen.

Trotzdem kann man heute noch nicht einfach zwischen verschiedenen Paludi-Dämmplatten wählen.

Nein. Einen Prototyp kann man relativ schnell herstellen. Die große Hürde ist der Weg vom Prototyp zum Markt. Im Bausektor müssen Brandschutz, Festigkeit, Dauerhaftigkeit und viele weitere Anforderungen nachgewiesen werden. Für kleine Hersteller sind Prüfungen und Zulassungen teuer. Hinzu kommen Ökobilanzen und EPDs. Genau deshalb müssen die verschiedenen Projekte stärker zusammenarbeiten. Es bringt wenig, wenn jeder dieselben Prüfungen separat finanziert. Wir brauchen gemeinsame Standards, belastbare Daten und vor allem Leuchtturmprojekte, in denen die Materialien tatsächlich eingesetzt werden. Genau dafür planen wir Anfang 2027 einen großen Workshop, der die maßgeblichen Akteure der Baubranche und der Moorszene zusammenbringen soll.

Gibt es bereits erste Paludi-Bau-Projekte?

Absolut! In der Kastanienallee 12 in Berlin werden unter anderem Paludi-Materialien, Stroh und Hanf in der Sanierung eines Gründerzeitbaus erprobt. Auch auf dem Holz-Lehmbau Campus in Weißensee kommen Paludi-Rohstoffe in einem realen Neubau zum Einsatz. Noch größer ist das Projekt MOORITZ bei München. Dort sollen Paludi-Baustoffe in einem Wohnungsbauprojekt in unterschiedlichen Baustoffen erprobt werden, kombiniert mit dem Gebäudetyp E. Solche Projekte sind besonders wichtig, weil sie aus einem Prototyp ein Gebäude machen. Beim Gebäudetyp E gibt es mehr Spielraum für neue Lösungen. Das kann biogenen Baustoffen helfen. Entscheidend sind genau diese Reallabore. Im Labor kann ein Material glänzen. Wollen wir skalieren, muss am Ende ein Handwerker sagen können: Damit kann ich arbeiten.

Gleichzeitig gibt es ein Henne-Ei-Problem. Die Industrie möchte verlässliche Mengen und gleichbleibende Qualität. Landwirte stellen aber erst um, wenn die Nachfrage sicher ist.

Genau das ist eines unserer Kernprobleme. Kleine innovative Firmen sind wichtig, aber wenn wir großflächig Moorflächen vernässen wollen, brauchen wir irgendwann auch große Abnehmer. Deshalb versuchen wir am Greifswald Moor Centrum im Projekt PaludiAllianz über die Allianz der Pioniere die Unternehmen einzubinden, die bestehende Rohstoffe durch Paludi-Biomasse ersetzen oder neue Produkte entwickeln.

Welche Innovationen gibt es, die bei der Skalierung helfen könnten?

Wie eben beschrieben ist ein wesentlicher Faktor, dass Angebot und Nachfrage zusammenfinden. Dafür gibt es die Paludi-Börse, auf der Biomasse angeboten, aber auch gesucht werden kann und Landwirte bei der Abnahme unterstützt. Eine weitere Innovation, an der wir derzeit arbeiten, sind sogenannte Paludi-Hubs: regionale Knotenpunkte, an denen die Aufbereitung, Lagerung und Weiterverarbeitung von Paludikultur-Biomasse gebündelt werden können. Sie sollen dazu beitragen, regionale Wertschöpfungsketten aufzubauen, Akteurinnen und Aktuere aus Landwirtschaft, Logistik und Industrie zu vernetzen und so den Weg der Biomasse von der Fläche bis zum marktfähigen Produkt effizienter zu gestalten.

Braucht es außerdem einen Herkunftsnachweis? Sonst könnte irgendwann jeder eine Schilfplatte „Paludi“ nennen.

Unbedingt. Schilf wächst schließlich nicht automatisch auf einem wiedervernässten Moor. Wenn ein Unternehmen mit der Klimawirkung von Paludikultur wirbt, muss nachvollziehbar sein, woher die Biomasse kommt. Das ist ab September 2026 mit der sogenannten EmpCo-Richtlinie übrigens auch gesetzlich vorgegeben – alle Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen müssen künftig transparent belegt werden, um Greenwashing entgegenzuwirken. Deshalb arbeiten wir an der Rückverfolgbarkeit vom Feld bis zum fertigen Produkt. Das ist für glaubwürdige Klimabilanzen genauso wichtig wie fürs Marketing. Wenn Paludi-Produkte später einen Vorteil im Gebäudenachweis bringen sollen, brauchen wir belastbare Daten. Auch daran wird bereits gearbeitet.

Was muss passieren, damit aus den Paludikultur-Baustoffen auch wirklich ein Markt wird?

Wir dürfen nicht nur auf den Preis der Biomasse schauen. Ein Landwirt produziert auf wiedervernässtem Moor nicht nur Schilf oder Seggen. Er vermeidet Treibhausgasemissionen, hält Wasser in der Landschaft, schafft Lebensräume und trägt zur Kühlung bei. Diese Ökosystemdienstleistungen müssen wirtschaftlich honoriert werden. Gleichzeitig müssen Landwirtschaft, Industrie und Bauwirtschaft gemeinsam vorankommen. Wir brauchen Zulassungen, Produktionsanlagen, Logistik, verlässliche Mengen und Unternehmen, die sagen: Wir wollen diesen Rohstoff. Bei vielen Produkten sind wir noch zwischen Prototyp und Kleinserie. Aber vor wenigen Jahren mussten wir erklären, was Paludikultur überhaupt ist. Heute sprechen Baustoffhersteller, Architektinnen, Landwirte und Ministerien darüber, wie daraus Wertschöpfungsketten werden können. Wenn am Ende ein Bauunternehmen sagt: Wir brauchen jedes Jahr diese Menge Paludi-Biomasse zu diesem Preis – dann weiß auch der Landwirt, warum er seine Fläche wiedervernässen soll. Genau deshalb beginnt Wiedervernässung für mich nicht beim Schließen des Grabens, sondern beim Markt.

Über Bas Spanjers

Bas Spanjers ist Wissenschaftler an der Universität Greifswald (Partner im Greifswald Moor Centrum). Er arbeitet im Projekt Paludi-Zentrale, das neun bundesweite Moorprojekte (das sogenannte PaludiNetz) mit verschiedenen Akteuren zusammenbringt und übergreifende Fragen zu Verwertung, Vermarktung oder Technik bearbeitet.

Über das Greifswald Moor Centrum (GMC)

Das Greifswald Moor Centrum (GMC) bündelt Forschung, Praxis und Politik rund um den Moorschutz. Unter seinem Dach arbeiten die Universität Greifswald, die Michael Succow Stiftung, DUENE e.V. und die Moorbibliothek zusammen.

Zu den Themen gehören unter anderem Wiedervernässung, Treibhausgasemissionen, Biodiversität, Moor-PV und der Aufbau von Wertschöpfungsketten für Paludi-Biomasse.

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