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„70 Prozent eines Hauses sind heute mit Hanf realisierbar"

Stand: Mai 2026
Foto, Henrik Pauly und Felix Drewes

Bauen mit Hanf verbindet Landwirtschaft, Baupraxis und Materialkreisläufe. Henrik Pauly und Felix Drewes vom Nutzhanf-Netzwerk zeigen in ihrem neuen Buch „Bauen mit Hanf“, wie aus der Kulturpflanze zukunftsfähige Baustoffe entstehen – und warum Hanf weit mehr ist als ein Dämmstoff.

Im Interview sprechen sie über Planung, Kosten und die Frage, was passieren muss, damit Hanf aus der Nische kommt.

Herr Drewes, Herr Pauly, was läuft heute im Bauwesen falsch?

Henrik Pauly: Wir bauen zu viel neu und denken zu wenig in Kreisläufen. Es wird zu viel abgerissen und neu errichtet – und dabei kommen Baustoffe zum Einsatz, die nur einmal genutzt werden können. Danach werden sie entsorgt, oft als schadstoffbelasteter Abfall. Das ist im Grunde ein Einwegsystem, und es werden häufig Materialien verbaut, die am Ende ein Entsorgungsproblem haben, was teuer und ökologisch problematisch ist.

Felix Drewes: Hanfkalk darf in Belgien sogar wieder auf die Felder aufgebracht werden. Gleichzeitig fehlt das Bewusstsein für die Langfristigkeit. Gebäude sind eigentlich ein Nachlass für kommende Generationen. Trotzdem behandeln wir sie oft wie kurzfristige Konsumgüter. Diese Diskrepanz ist ein Kernproblem der Branche.

Warum setzen Sie ausgerechnet auf Hanf?

Felix Drewes: Weil Hanf nicht nur ein Material ersetzt, sondern das System verändert. Es geht nicht allein um einen anderen Dämmstoff, sondern um eine andere Art zu bauen. Hanf bringt Vorteile entlang der gesamten Wertschöpfungskette: in der Landwirtschaft, in der Verarbeitung und im Gebäude selbst. Er kann landwirtschaftlich genutzte Böden verbessern, Fruchtfolgen diversifizieren und gleichzeitig als Baustoff dienen.

Henrik Pauly: Wir sprechen deshalb oft vom Prinzip „vom Acker bis zur Baustelle – und wieder zurück“. Hanfbaustoffe können problemlos wiederverwendet werden, auch in kleinsten Mengen. Und selbst wenn sie entsorgt werden, richten sie keinen Schaden an. Es gibt Projekte, bei denen Reste von Hanfkalk als Schüttung oder Zuschlag für neuen Hanfkalk verwendet oder einfach kompostiert wurden. Das zeigt, dass wir hier tatsächlich über einen funktionierenden Stoffkreislauf sprechen – etwas, das im Bauwesen heute die Ausnahme ist.

Wie kann Bauen und Sanieren mit Hanf stärker in die Anwendung kommen?

Henrik Pauly: Der wichtigste Punkt ist Wissen. Viele Menschen im Bauwesen haben noch nie von Hanfbaustoffen gehört. Es wird weder in der Ausbildung noch im Studium vermittelt. Das führt dazu, dass der Baustoff schlicht nicht vorkommt – weder in der Planung noch in der Umsetzung. Dazu kommt, dass die Branche klein ist. Es fehlt Kapital für Forschung, Zertifizierungen und Prüfungen. Und genau diese Nachweise sind entscheidend, um in größere Projekte zu kommen.

Felix Drewes: Dabei ist Hanf technisch längst erprobt. Wir bauen seit Jahrzehnten damit, und es gibt zahlreiche internationale Studien zu den bauphysikalischen Eigenschaften. Dass wir trotzdem noch in der Nische sind, liegt daran, dass mehrere Dinge gleichzeitig zusammenkommen müssen: stabile Lieferketten, ausreichende Verarbeitungskapazitäten, Normen und Zulassungen, Wissen in der Planung und Umsetzung sowie geeignete wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Und nicht zuletzt spielt leider auch die negative Wahrnehmung von Hanf als Rauschmittel immer noch eine Rolle. Dabei ist Hanf in erster Linie eine Nutz- und Kulturpflanze.

Was zeichnet Hanf als Baustoff aus?

Henrik Pauly: Hanf ist nachwachsend. Er wächst schnell, das heißt in relativ kurzer Zeit erhalte ich viel Biomasse. Erfahrene Betriebe erreichen in guten Jahren etwa 8 bis 10 Tonnen Hanfstroh pro Hektar. Ich kann mein Haus zu großen Teilen mit Materialien bauen, die auf dem Acker wachsen. Das ist ein völlig anderer Ansatz als bei klassischen Baustoffen. Dazu kommt das thermische Verhalten. Hanf dämmt gut und kann gleichzeitig Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben. Das sorgt für ein sehr stabiles und angenehmes Raumklima.

Felix Drewes: Und man muss die Struktur verstehen. Unterm Mikroskop sieht man: Hanf-Schäben – also der holzige Kern der Pflanze – sind extrem porös. Sie bestehen zu etwa zwei Dritteln aus Poren. Diese Struktur sorgt dafür, dass das Material gleichzeitig leicht, dämmend und feuchteregulierend ist. Ein entscheidender Punkt ist, dass Hanf-Schäben, aber auch die Hanf-Fasern sehr viel Feuchtigkeit aufnehmen können, ohne viel Dämmwirkung zu verlieren. Das ist ein großer Unterschied zu vielen konventionellen Baustoffen.

Henrik Pauly: Eine dritte wichtige Eigenschaft ist die einfache und angenehme Verarbeitung. Es sind keine Schadstoffe enthalten, und es macht einfach Spaß, damit zu arbeiten – auch für Handwerkerinnen und Handwerker.

Felix Drewes: Wir haben im Bauwesen mittlerweile einen Zustand erreicht, in dem viele Materialien mit umfangreichen Sicherheitsdatenblättern kommen – inklusive Warnhinweisen und Gefahrenkennzeichnungen. Bei Hanfbaustoffen ist das anders: Oft bestehen sie aus wenigen, klar nachvollziehbaren Zutaten. Das hat nicht nur Vorteile für die Zirkularität der Baustoffe, sondern auch für die Bau- und Wohngesundheit – sowohl für die Bewohnenden als auch für die Verarbeitenden. Gerade im Kontext des Fachkräftemangels ist das relevant. Wir hoffen, dass einfache und gesunde Materialien dazu beitragen können, die Baubranche wieder interessanter zu machen – gerade für junge Menschen.

Welche Hanfbaustoffe sind heute besonders relevant für die Praxis?

Henrik Pauly: Im Massivbau hat Hanf den größten Hebel. Dort fehlte bisher eine überzeugende nachhaltige Lösung. Hier setzen Hanfbaustoffe an – insbesondere Hanfkalksteine oder Fertigteile. Das bedeutet, wir müssen nicht alles neu denken, sondern können bestehende Bauweisen weiterentwickeln.

Felix Drewes: Genau. Hanfkalk und Hanflehm können direkt im klassischen Massivbau eingesetzt werden. Hanfkalk eignet sich aufgrund seiner Dämmeigenschaften in unserem Breitengrad vor allem für Außenwände, Hanflehm mit seiner hohen Speichermasse für Innenwände. Stopfhanf ist ein sehr einfach zu verarbeitender Dämmstoff aus losen Fasern. Er lässt sich flexibel in Zwischenräume einbringen, ohne zugeschnitten werden zu müssen. Gerade im Bestand ist das ein großer Vorteil, weil dort kaum etwas perfekt rechtwinklig ist.

Welcher Anteil eines Hauses lässt sich heute mit Hanf bauen?

Felix Drewes: Im Prinzip kann man fast alles aus Hanf bauen – mit Ausnahme von Metallteilen und Fundamenten. Wir gehen davon aus, dass etwa 70 Prozent eines Hauses heute realistisch mit Hanf umgesetzt werden können. Dazu zählen etwa der Bodenaufbau, Dämmung, Wände und der Innenausbau.

Henrik Pauly: Theoretisch kann man noch deutlich höhere Anteile erreichen. In einzelnen Projekten ist sogar bis zu 90 Prozent möglich. Aber aktuell ist das noch mit mehr Aufwand verbunden und eher etwas für sehr engagierte Bauherren.

Was kostet das im Vergleich zum konventionellen Bauen?

Henrik Pauly: Im Neubau liegen wir derzeit noch etwa 10 bis 15 Prozent über den Kosten konventioneller Bauweisen. In der Sanierung können wir teilweise schon kostenneutral arbeiten. Wichtig ist aber: Die Mehrkosten hängen oft nicht direkt am Hanf, sondern daran, dass Bauherren insgesamt hochwertiger und gesünder bauen wollen – das betrifft dann zum Beispiel auch hochwertigere und damit kostenintensivere Bodenbeläge, Putze oder Farben.

Felix Drewes: Gleichzeitig darf man die Einsparpotenziale bei Hanfbaustoffen nicht unterschätzen. Durch die einfache Verarbeitung entfallen oft Arbeitsschritte. Das kann die Gesamtkosten deutlich relativieren. Und wenn man Rückbaubarkeit, Wiederverwendbarkeit und Wohngesundheit einbezieht, ergibt sich ein anderes wirtschaftliches Bild als bei einer reinen Erstkostenbetrachtung.

Was muss sich in der Planung ändern, wenn man mit Hanf arbeitet?

Henrik Pauly: Für den Einstieg erstaunlich wenig. Wer im Massivbau bleibt und mit Hanfsteinen arbeitet, kann viele bestehende Details übernehmen. Das macht den Einstieg relativ einfach. Wenn man konsequent mit Naturbaustoffen arbeiten will, braucht es mehr Know-how – vor allem bei Details und Anschlüssen. Da ist es sinnvoll, sich beim ersten Projekt Unterstützung zu holen.

Felix Drewes: Grundsätzlich verändert sich die Denkweise. Man geht weg von der reinen U-Wert-Optimierung hin zu einem ganzheitlichen Verständnis von Wärme und Feuchte. Man denkt weniger in komplexen Schichtaufbauten und mehr in einfachen, monolithischen Konstruktionen. Und man berücksichtigt stärker die regionale Verfügbarkeit von Rohstoffen und den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes – also auch Rückbau und Wiederverwendung.

Stichwort Verfügbarkeit: Gibt es überhaupt genug Hanf als Rohstoff?

Henrik Pauly: Das ist weniger eine Frage der Fläche als der Nachfrage. Wenn mehr gebaut wird, kann auch mehr angebaut werden.

Felix Drewes: Das Problem liegt in der Wertschöpfungskette. Landwirte bauen nur dann Hanf an, wenn sie Abnehmer haben. Bauprojekte brauchen aber verlässliche Lieferketten. Dieses Henne-Ei-Problem müssen wir lösen, indem wir die Akteure besser vernetzen und Strukturen aufbauen.

Welche Rolle spielen Normen und Zulassungen?

Henrik Pauly: Eine große Rolle, vor allem bei größeren Gebäuden. Für kleine Gebäude funktioniert vieles bereits. Aber sobald es in höhere Gebäudeklassen geht, braucht es geprüfte Systeme – und die sind teuer. Das ist dann kaum zu stemmen für kleine Unternehmen, die auf Hanf als Baustoff setzen.

Felix Drewes: Normen schaffen Vertrauen. Viele Akteure greifen auf bekannte Systeme zurück, weil sie Sicherheit geben. Sobald Hanfbaustoffe diese Nachweise haben, wird sich ihr Einsatz deutlich verbreitern.

Was müsste passieren, damit Hanf aus der Nische kommt?

Henrik Pauly: Mehr Wissen im Markt. Solange der Baustoff nicht bekannt ist, wird er nicht eingesetzt. Und wir müssen wirtschaftliche Rahmenbedingungen verändern.

Felix Drewes: Ich würde ergänzen: Wir müssen auch unsere wirtschaftlichen Rahmenbedingungen überdenken. Solange ökologische Vorteile nicht im Preis abgebildet werden, haben es nachhaltige Materialien schwer. Wenn wir beispielsweise die graue Energie oder CO2-Emissionen konsequent einpreisen würden, würde sich vieles verändern.

Über die Interviewpartner

Felix Drewes ist Projektentwickler und Doktorand mit Schwerpunkt auf hanfbasierten Baustoffen und regionalen Wertschöpfungsketten. An der Hochschule Merseburg forscht er in der Nachwuchsforschungsgruppe Bio-Rohstoffe zum Einsatz von Hanf im Strukturwandel ehemaliger Braunkohleregionen. Als Vizevorsitzender des Nutzhanf-Netzwerk e.V. vernetzt er Akteure aus Landwirtschaft, verarbeitender Industrie und Forschung rund um die Nutzpflanze Hanf.

Henrik Pauly ist Bauingenieur sowie Gründer und Geschäftsführer des Planungsbüros Hanfingenieur. Er plant und begleitet Bauprojekte mit Hanf und zählt zu den zentralen Praktikern des Hanfbaus in Deutschland. Zuvor war er in der Projektleitung im konventionellen Bau tätig. Zudem lehrt er an verschiedenen Hochschulen zu Naturbaustoffen, darunter an der Hochschule für Technik in Stuttgart.

„Bauen mit Hanf“

Das im April 2026 erschienene Fachbuch von Henrik Pauly und Felix Drewes gibt erstmalig in deutscher Sprache einen umfassenden Überblick über das Bauen mit Hanf – von Anbau und Materialeigen­schaften bis zu Planung, Umsetzung und Praxisbeispielen. Es richtet sich an Planende, Ausführende und alle, die sich mit biobasierten Baustoffen beschäftigen. Weitere Infos auf der Website des ökobuch Verlags.
 

Weitere Infos zum nachwachsenden Rohstoff Hanf

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