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Quartierslösungen als Gesamtsystem: Wärmeversorgung im Verbund

Stand: Februar 2026
Foto, Luftaufnahme einer Baustelle mit Bagger, Rohren und Gehwegen zwischen Bäumen.

Die energetische Beratungspraxis konzentrierte sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem auf das Einzelobjekt. Die Optimierung der Gebäudehülle und die effizientere Nutzung von Heizungen haben dabei beachtliche Erfolge erzielt. Für die Dekarbonisierung des Gebäudebestandes bis 2045 reichen gebäudeindividuelle Lösungen vielerorts nicht aus. In dichten Quartieren und bei gemischter Nutzung begrenzen technische Randbedingungen und Wirtschaftlichkeit die Effizienz – Quartierslösungen sind dann oft vorteilhafter.

Für Energieberatende verschiebt sich daher der Fokus: Die Systemgrenze weitet sich vom Hausanschluss auf das Quartier. Dies erfordert eine differenzierte Betrachtung verschiedener Vernetzungsgrade – vom kleinen Gebäudenetz zwischen zwei Nachbarn bis hin zum komplexen Nahwärmenetz.

Die Skalierung der Vernetzung: Vom Gebäudenetz zum Nahwärmenetz

Nicht jede Quartierslösung ist automatisch ein Großprojekt. Für die Beratung ist die rechtliche und technische Unterscheidung der Netztypen essenziell, da sie unterschiedliche Anforderungen an Planung, Betrieb und Abrechnung stellen.

Das Gebäudenetz (Small Scale)

Das Gebäudenetz definiert sich im Sinne des GEG als eine vernetzte Versorgung von mindestens zwei und bis zu 16 Gebäuden (oder maximal 100 Wohneinheiten). 

  • Praxisrelevanz: Es ist die geeignete Lösung für Reihenhauszeilen, Doppelhaushälften oder kleine Ensembles, die sich eine gemeinsame Heizzentrale (z.B. eine große Holzpellet-Anlage oder Wärmepumpe) teilen.
  • Vorteil: Die regulatorischen Hürden sind geringer als bei großen Netzen. Gebäudenetze ermöglichen es Eigentümergemeinschaften, Synergien zu heben, ohne selbst zum großen Energieversorger werden zu müssen. Nach dem GEG gilt die 65-Prozent-EE-Anforderung (§ 71 Abs. 1) entsprechend auch für Heizungsanlagen, die in ein Gebäudenetz einspeisen.

Das Wärmenetz / Nahwärmenetz (Large Scale)

Sobald die Versorgung über die Grenzen des reinen Gebäudenetzes hinausgeht und eine Vielzahl von Kundinnen und Kunden versorgt oder öffentliche Straßen quert, spricht man klassisch von Wärmenetzen. In diesen Fällen agiert in der Regel ein professioneller Contractor oder ein Stadtwerk als Betreiber.

Für Beratende liegt der Fokus hier auf der sorgfältigen Prüfung der Anschlussbedingungen sowie der Preisgleitklauseln für die Kundinnen und Kunden.

Technologische Konzepte: Von „Warm" bis „Kalt"

Die Wahl der Technologie hängt maßgeblich vom energetischen Sanierungsstand der Gebäude ab. Man unterscheidet grundsätzlich drei Generationen der Netztemperatur:

Foto, Panoramabild einer Baustelle. In der Ferne stehen Kräne vor einem blauen Himmel.
Best-Practice-Beispiel

Kalte Nahwärme für Königsmoos

Eine Bürgerenergiegenossenschaft betreibt in zwei Neubauquartieren in Königsmoos ein kaltes Nahwärmenetz über Erdwärme. Damit gelingt dort eine klimaneutrale Wärmeversorgung.

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Das Potenzial der Abwärme im Quartier

Ein vernetztes System ermöglicht den Zugriff auf Wärmequellen, die dem Einzelgebäude verwehrt bleiben. Gemäß der Maxime „Efficiency First“ sollte unvermeidbare Abwärme vor der Erzeugung neuer Wärme genutzt werden.

Beratende sollten im Quartiersumfeld folgende Abwärme-Quellen (sogenannte Waste Heat) prüfen:

  • Gewerbliche Kälte: Supermärkte, Kühlhäuser oder Serverräume geben konstant Wärme ab, die sich gut in Niedertemperatur- oder Anergienetze einspeisen lässt.
  • Abwasserwärme: Mittels Wärmetauscher im Kanalnetz kann dem Abwasser Energie entzogen werden – eine konstante Quelle, besonders in dicht besiedelten Gebieten.
  • Industrielle Prozesse: Bäckereien oder kleine Fertigungsbetriebe im Mischgebiet haben oft ungenutzte Prozesswärme. 

Die Einbindung dieser Quellen erhöht nicht nur die Effizienz, sondern wird im Rahmen der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) gezielt gefördert.

Resilienz durch Lastprofil-Glättung

Unabhängig von der gewählten Temperatur des Netzes (warm oder kalt) ist der Ausgleich von Gleichzeitigkeiten eines der stärksten ökonomischen Argumente.

  • Effekt: Wohngebäude mit Lastspitzen in den Morgen- und Abendstunden und gewerbliche Nutzung mit Lastschwerpunkten während des Tages ergänzen sich.
  • Konsequenz: Die zentrale Erzeugungsanlage kann kleiner dimensioniert werden als die Summe aller Einzelheizungen. Das senkt die Investitionskosten (CAPEX) und stabilisiert den Betrieb, was die Lebensdauer der Komponenten verlängert.

Wirtschaftlichkeit und Förderung (BEW)

Für Investierende sind die Lebenszykluskosten (LCC) entscheidend. Der Bund fördert den Aufbau von Gebäudenetzen und Wärmenetzen gezielt über die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW)

  • Modul 1: Förderung von Machbarkeitsstudien (Transformationspläne) mit Förderquoten von bis zu 50 Prozent.
  • Modul 2: Investitionskostenzuschuss von bis zu 40 Prozent für den Bau von Netzen, die zu mindestens 75 Prozent aus erneuerbaren Energien oder Abwärme gespeist werden.

Dies macht Quartierslösungen in vielen Fällen wettbewerbsfähig gegenüber der Einzelversorgung, insbesondere wenn zusätzlich die steigenden CO2-Kosten fossiler Einzelheizungen in die Betrachtung einbezogen werden.

Fazit

Die physikalische Vernetzung im Quartier – ob als kleines Gebäudenetz oder großes Anergienetz – transformiert Immobilien von passiven Verbrauchern zu aktiven Elementen eines Systems. Für Energieberatende bedeutet dies: Die Lösung liegt oft nicht im Heizungskeller allein, sondern in der Kopplung mit der Nachbarschaft und der Nutzung lokaler Abwärmepotenziale.

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