Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie: Anforderungen und Chancen für den Bausektor
Stand: März 2026
Der Bausektor steht vor einer tiefgreifenden Transformation. Mit der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) legt die Bundesregierung den Grundstein, um den hohen Ressourcenverbrauch und das Abfallaufkommen im Bauwesen systematisch zu senken.
Für Beratende, Planende und Kommunen entstehen dadurch neue Rahmenbedingungen, aber auch erhebliche Chancen für ein ressourcenschonendes und zukunftsfähiges Bauen.
Strategische Einordnung der NKWS
Die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) ist weit mehr als eine ökologische Richtlinie. Sie bildet das strategische Dach für die Transformation Deutschlands hin zu einer ressourceneffizienten und kreislauforientierten Gesellschaft. Die übergeordnete Vision, Ressourcenflüsse zu verlangsamen und Stoffströme im Baubereich zu reduzieren, wird mit einem Zielhorizont bis 2045 in klare Teilziele übersetzt.
Warum der Bausektor im Mittelpunkt steht
Der Bausektor weist eine besonders hohe Hebelwirkung auf: 584,6 Millionen Tonnen Gesteinskörnungen wurden in Deutschland im Jahr 2020 für die Bauindustrie produziert, davon 485 Millionen Tonnen auf Basis mineralischer Primärrohstoffe, verbunden mit erheblichen Eingriffen in die Natur.
Trotz eines Bauabfallaufkommens von rund 220 Millionen Tonnen pro Jahr werden bisher nur 13 Prozent (77 Millionen Tonnen) der jährlich eingesetzten Gesteinskörnungen über Recyclingbaustoffe gedeckt. Hier setzt die NKWS an, um das „anthropogene Lager“ – also die in Gebäuden gebundenen Rohstoffe – aktiv zu nutzen.
Zirkularität ist ein Schlüssel zur Klimaneutralität. Ein Großteil der Treibhausgasemissionen im Gebäudesektor entfällt auf die sogenannte graue Energie, also auf Emissionen, die bei der Gewinnung, Herstellung und dem Transport von Baustoffen entstehen. Durch die Schließung von Kreisläufen und die Weiternutzung von Bauteilen wird dieser CO2-Ausstoß deutlich reduziert.
Schlüsselmaßnahmen der NKWS für den Bau- und Gebäudebereich
Um die Theorie in die Praxis zu überführen, adressiert die NKWS spezifische Hebel:
Design for Disassembly
Gebäude müssen künftig so konstruiert werden, dass sie am Ende ihrer Lebensdauer sortenrein demontiert werden können. Um eine sortenreine Erfassung der Baustoffe zu erreichen, sind Baukonstruktionen erforderlich, die den selektiven Rückbau erleichtern, zum Beispiel durch modulare Bauweisen und lösbare Verbindungen.
Digitaler Gebäuderessourcenpass (GRP)
Der Digitale Ressourcenpass dient der systematischen Dokumentation verwendeter Materialien und Produkte und ermöglicht es, das Potenzial für Urban Mining bereits in der Planungsphase zu bewerten. Die Umsetzung im Kontext der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie ist für 2027 geplant.
Hinweis
Bisher gibt es den Gebäuderessourcenpass der DGNB, der als freiwilliges Tool zur Erfassung der Zirkularität von Gebäuden dient. Der neue GRP soll im Rahmen des Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG) verbindlich für alle Neubauvorhaben sein.
Abfallende-Verordnung
Ein zentrales Hemmnis war bisher der Rechtsstatus von Recyclingmaterial. Während Recyclingmaterialien im Straßenbau (Tiefbau) schon länger etabliert sind, war der Einsatz im Hochbau bisher oft eine Nische. Die neue Abfallende-Verordnung definiert, wann mineralische Ersatzbaustoffe ihren Status als Abfall verlieren. Dies erleichtert ihre Vermarktung insbesondere im Hochbau. Da dieser Sektor zu einem großen Teil auf Beton setzt, vereinfacht die Verordnung dort gezielt den Einsatz von Recyclingmaterial.
Revision der EU-Bauproduktenverordnung
Künftig sollen Hersteller verpflichtet werden, Nachhaltigkeitsindikatoren auszuweisen und die Harmonisierung von gebrauchten Bauprodukten zu ermöglichen.
Urban Mining-Strategie
Ziel ist es, Materialien in anthropogenen Lagerstätten zu erkunden, zu erschließen und abzubauen.
Implikationen für Planung und Ausführung
Für Planende verschieben sich die Schwerpunkte weg vom reinen Neubau-Fokus hin zur Bestandspflege und Lebenszyklusbetrachtung.
Anforderungen in der Entwurfsphase
Zirkularität muss bereits im ersten Entwurf mitgedacht werden. Bauwerke werden so geplant, dass spätere Nutzungsänderungen und Umbauten möglichst einfach, klimaverträglich und abfallarm umgesetzt werden können. Hierbei wird eine auf Flexibilität und den Lebenszyklus ausgerichtete, umbaufähige Bauweise zur zentralen Planungsprämisse.
Messbarkeit durch neue Indikatoren
Mit der NKWS gewinnen neue Kennzahlen an Bedeutung. Neben der klassischen Ökobilanz (LCA) rücken der Materialfußabdruck (Raw Material Consumption, RMC) sowie die Indikatoren RMI (Raw Material Input) und TMR (Total Material Requirement) in den Fokus, um die Ressourcenschonung objektiv bewertbar zu machen.
Zudem sieht die neue EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) ab 2028 bzw. 2030 die Berechnung und Ausweisung der kumulativen Lebenszyklusemissionen für Neubauten vor.
Interdisziplinäre Kompetenzen
Die Rolle von Planenden erweitert sich hin zu einem stärkeren Material- und Ressourcenmanagement. Damit verbunden sind insbesondere folgende Aspekte:
- Bestandserhaltung vor Ersatzneubau: Die Weiternutzung und der Umbau von Gebäuden ist grundsätzlich mit einem geringeren Ressourcenverbrauch verbunden als Neubau.
- Kooperation: Die Zusammenarbeit mit Rückbau- und Wiederverwendungsexpertinnen und -experten gewinnt an Bedeutung.
- Schadstoffsanierungspläne: Sie bilden eine zentrale Grundlage der Bauausführung, um Schadstoffe gezielt aus dem Materialkreislauf auszuschleusen.
Hinweis
Die Bundesregierung plant eine Urban-Mining-Strategie vorzulegen, wie Materialien in anthropogenen Lagerstätten zu erkunden, zu erschließen und abzubauen sind. Für Planende bedeutet dies, bestehende Gebäude als wertvolle Rohstoffquellen zu begreifen.
Rolle von Kommunen und öffentlicher Hand
Kommunen nehmen eine Vorbildrolle ein und fungieren als Marktmacher für zirkuläre Baustoffe.
Vergabe- und Beschaffungsstrategien
Der Bund wird das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) fortentwickeln, um technologieneutrale und materialoffene Anforderungen an die Umweltwirkungen zu stellen. Ziel ist eine Bevorzugung von Sekundärrohstoffen in öffentlichen Ausschreibungen.
Baurecht und HOAI
Die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) wird angepasst, um Leistungsbilder weiterzuentwickeln und die Honorierung für Leistungen im Bestand zu optimieren. Damit wird der zusätzliche Aufwand für zirkuläres Planen wirtschaftlich abbildbar.
Zudem wird die Einführung einer Bauteilsichtungspflicht auf der Baustelle vor Abbruch sowie eines Rückbaufähigkeitsnachweises für öffentliche Gebäude geprüft.
Ökonomische Instrumente und Finanzierung
Es wird die Berücksichtigung eines Schattenpreises für CO2 und möglicherweise weitere Umweltwirkungen bei der Vergabe entwickelt, um externe Kosten transparent zu machen.
Preistransparenz und CO₂-Schattenpreis
Es wird die Berücksichtigung eines Schattenpreises für CO2 und möglicherweise weiterer Umweltwirkungen bei der Vergabe entwickelt, um externe Kosten transparent zu machen.
Förderung
Zirkularität wird über die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) und das Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG) adressiert.
Das KFW-Programm Klimafreundlicher Neubau (KFN) unterstützt die Kreislaufwirtschaft indirekt, indem es Finanzmittel für Nachhaltigkeitsprojekte bereitstellt.
Lenkungswirkung
Sollte die Reduzierung deponierter Abfälle nicht ausreichen, wird die Einführung einer Deponieabgabe für verwertbare mineralische Baustoffe geprüft.
Was ist ein CO₂-Schattenpreis?
Ein Schattenpreis ist ein ökonomisches Instrument für die Vergabe von Bauleistungen. Mit dem Schattenpreis werden externe Kosten fiktiv berechnet, um diese für eine Angebotswertung transparent zu machen. Das bedeutet in der Praxis: Bei einem Vergabeverfahren wird nicht nur der reine Angebotspreis (die Baukosten) betrachtet. Zusätzlich wird berechnet, wie viel CO2 ein Projekt verursacht. Diese Emissionen bekommen einen fiktiven Geldwert (den Schattenpreis).
Einordnung und Ausblick
Die NKWS verfolgt das Ziel, dass der ab 2030 errichtete Gebäudebestand klima- und kreislaufgerecht sowie ressourcenschonend geplant und digital dokumentiert ist.
Zentrale Handlungsfelder der Strategie
- Bestandserhaltung prüfen: Leitfäden und Bewertungssystematiken unterstützen Abbruch- und Ersatzneubauentscheidungen unter Berücksichtigung der Ressourceneffizienz im Lebenszyklus.
- Kreislaufgerecht planen: Nicht kreislauffähige Materialverbunde und Schadstoffe sollen möglichst vermieden werden, um spätere Wiederverwendung zu erleichtern.
- Sekundärrohstoffe einsetzen: Der Einsatz von Sekundärrohstoffen, etwa Recyclingbaustoffen oder Nebenprodukten aus Industrieprozessen, gewinnt bereits in der Planungsphase an Bedeutung.
Die übergeordnete Vision ist eine deutliche Reduktion des Rohstofffußabdrucks (Raw Material Consumption, RMC) bis 2045, um die Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit der Bauindustrie langfristig zu sichern.
Weiterführende Informationen
- Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV): Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS), Abschnitt 4.8 Bau- und Gebäudebereich (PDF / 8 MB)
- BBSR: GEG Infoportal – EU-Gebäuderichtlinie (EPBD)
- Bundesverband Baustoffe–Steine und Erden e.V.: Mineralische Bauabfälle Monitoring 2020 (PDF / 4 MB)