Smart Readiness Indicator (SRI): Wie intelligent ist ein Gebäude?
Stand: Februar 2026
In der klassischen Energieberatung ist der energetische Standard eines Gebäudes durch Kennzahlen wie den Primärenergiebedarf oder den Transmissionswärmeverlust eindeutig definiert. Doch mit der zunehmenden Vernetzung von Erzeugern, Speichern und Verbrauchern stellt sich eine neue Frage: Wie fähig ist ein Gebäude, auf die Anforderungen der Bewohnenden und des Stromnetzes intelligent zu reagieren?
Die Antwort darauf liefert der Smart Readiness Indicator (SRI) - oder Intelligenzfähigkeitsindikator, so die amtliche deutsche Bezeichnung. Dieses von der Europäischen Union im Rahmen der Gebäuderichtlinie (EPBD) eingeführte Bewertungsinstrument misst den „digitalen Reifegrad“ eines Gebäudes. Erstmals wird damit die Fähigkeit eines Objekts quantifizierbar, Technologien zur Automatisierung und elektronischen Überwachung so einzusetzen, dass der Betrieb energieeffizienter, flexibler und nutzerfreundlicher wird.
Die drei Säulen der digitalen Gebäudeintelligenz
Der SRI bewertet ein Gebäude nicht allein nach der Anzahl installierter Sensoren, sondern nach funktionalen Ergebnissen im Betrieb. Die Bewertung basiert auf drei zentralen Schlüsselkapazitäten:
- Energieeffizienz und Betrieb: Wie gut kann das Gebäude seine technische Ausstattung, etwa Heizung, Lüftung und Beleuchtung, auf Basis des tatsächlichen Bedarfs optimieren?
- Anpassung an die Bedürfnisse der Nutzenden: Inwieweit ist das Gebäude in der Lage, Komfort, Raumklima und gesundheitliche Parameter, etwa den CO2-Gehalt der Luft, automatisiert zu steuern und Feedback an die Bewohnerinnen und Bewohner zu geben?
- Flexibilität für das Energiesystem (Netzdienlichkeit): Dies ist die zentrale Komponente für das Gebäude im Gesamtsystem. Kann das Gebäude den Energieverbrauch zeitlich verschieben, Energie speichern oder ins Netz zurückspeisen (z.B. über bidirektionales Laden oder Lastmanagement sowie Heim- oder Batteriespeicher), um auf Netzsignale zu reagieren?
Der SRI in der Praxis: Status quo und EU-Testphase
Aktuell befindet sich der SRI in einer EU-weiten Testphase, darunter in Deutschland, Frankreich, Kroatien, Griechenland, Österreich und Spanien. Ziel ist es, ein einheitliches Bewertungsverfahren zu schaffen, dass die Vergleichbarkeit und Optimierung von Gebäuden europaweit ermöglicht.
Für die Energieberatung in Deutschland bedeutet dies:
- Transparenz für Investierende: Der SRI macht den digitalen Wert einer Immobilie sichtbar – ein Faktor, der bei ESG-Ratings (Environmental, Social, Governance) zunehmend an Bedeutung gewinnt.
- Gezielte Digitalisierungspfade: Anstatt isolierte Einzellösungen, etwa eine rein App-basierte Steuerung, zu installieren, zeigt der SRI auf, wo die wirksamsten Hebel für Effizienz und Komfort liegen. Er liefert die fachliche Begründung für die Investition in ein Energiemanagementsystem (EMS).
SRI-Klassen und Zertifizierung
Ähnlich wie beim Energieausweis ist das Ziel des SRI eine einfache, visuelle Klassifizierung. In der aktuellen Testphase wird untersucht, wie die Ergebnisse optimal aufbereitet werden können, damit sie sowohl für Fachleute als auch für Laien verständlich sind. Ein offizielles SRI-Zertifikat könnte künftig als wertsteigerndes Dokument bei Verkauf oder Vermietung dienen.
Die Digitalisierung des Gebäudesektors basiert auf der Kopplung von externer Netzkommunikation und interner Gebäudeautomation. Das intelligente Messsystem (iMSys) fungiert als hoheitliche Datendrehscheibe am Netzanschlusspunkt. Es ermöglicht den gesicherten Empfang variabler Preissignale und netzdienlicher Steuerungsimpulse.
Innerhalb der Liegenschaft übernimmt der Standard KNX die interoperable Vernetzung der technischen Gebäudeausstattung. Die systemische Effizienz entsteht durch ein Energiemanagementsystem, das die Signale des iMSys in automatisierte Fahrpläne für die KNX-Sensorik und -Aktorik übersetzt. Diese Integration wandelt das Gebäude von einem passiven Lastpunkt zu einer steuerbaren Einheit, die Nutzerkomfort und Netzstabilität synchronisiert.
Synergien mit anderen Systemkomponenten
Der SRI fungiert als strukturierende Integrationsmatrix für zentrale digitale und technische Komponenten im Gebäude:
- Verbindung zum intelligenten Messsystem (iMSys): Ein intelligentes Messsystem ist die infrastrukturelle Voraussetzung, um in der Kategorie „Netzdienlichkeit“ hohe Punktwerte zu erzielen.
- Bidirektionales Laden: Fahrzeuge, die als Speicher fungieren, heben den SRI im Bereich Elektromobilität und Flexibilität auf das maximale Niveau.
- Standard für die Haus- und Gebäudeautomation (KNX): Erst die Vernetzung der Gewerke - etwa, wenn die Heizung auf Fensterkontakte oder Wetterprognosen reagiert – ermöglicht hohe Bewertungen in der Kategorie.
Mehrwert für die Beratung: Argumente für Eigentümer und Verwalter
Beratende können den SRI bereits heute als konzeptionelles Gerüst nutzen, um Eigentümerinnen und Eigentümern den Nutzen der Digitalisierung zu verdeutlichen:
- Kostensenkung durch Transparenz: Ein „smartes“ Gebäude erkennt Fehlfunktionen (z.B. gleichzeitiges Heizen und Kühlen) oft selbstständig, bevor hohe Kosten entstehen.
- Zukunftssicherheit: Ein Gebäude mit hohem SRI ist auf dynamische Stromtarife und die Anforderungen des § 14a EnWG vorbereitet.
- Nutzerzufriedenheit: Durch automatisierte Licht- und Klimasteuerung steigt die Aufenthaltsqualität in Wohn- und Nichtwohngebäuden.
Fazit: Das Gebäude als lernendes System
Der Smart Readiness Indicator markiert den Übergang von einer rein statischen zur einer dynamischen Gebäudebewertung. Er verdeutlicht, dass Intelligenz im Gebäude kein optionales Zusatzmerkmal, sondern ein funktionales Werkzeug ist, um die Komplexität der Energiewende beherrschbar zu machen.
Für Energieberatende bietet der SRI die Chance, sich als Experten für die digitale Transformation zu positionieren und den Weg zum klimaneutralen, vernetzten Gebäude mit einer klaren Metrik zu begleiten.