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Energieeffizienz und Netzentlastung: Systemischer Beitrag des Gebäudesektors

Stand: Februar 2026
Foto, Reihe von Backsteinhäusern mit Solarpaneelen auf den Dächern und kahlem Baum im Vordergrund.

Die Zielsetzung eines klimaneutralen Gebäudebestands bis 2045 erfordert eine grundlegende Neuausrichtung der Sanierungsstrategien in der Wohnungswirtschaft. Gebäude entwickeln sich dabei zunehmend von isolierten Einheiten hin zu aktiven Akteuren innerhalb eines vernetzten Energiesystems. In diesem Kontext rückt das Zusammenspiel aus Gebäudehüllensanierung, dem Einsatz digitaler Technologien und der Nutzung erneuerbarer Energien in den Fokus der wissenschaftlichen und praktischen Betrachtung. 

Die optimale Allokation dieser Maßnahmen ist jedoch hochgradig komplex, da die Perspektiven von Mietenden, Vermietenden, Energieversorgern und Netzbetreibern oft unterschiedliche Zielgrößen verfolgen. Während für Eigentümerinnen und Eigentümer die Investitionskosten (CAPEX) und für Mietende die Bruttowarmmiete (OPEX) im Vordergrund stehen, zielt die systemische Perspektive auf die Minimierung von Netzausbaukosten und Redispatch-Bedarfen ab. Ein netzdienliches Gebäude trägt dazu bei, lokale Netzengpässe abzumildern und die Stabilität des Gesamtsystems zu erhöhen.

Erläuterung: Redispatch

Unter Redispatch versteht man Eingriffe in die Erzeugungsleistung von Kraftwerken, um Leitungsabschnitte vor einer Überlastung zu schützen. Droht an einer bestimmten Stelle im Netz ein Engpass, werden Kraftwerke diesseits des Engpasses angewiesen, ihre Einspeisung zu drosseln, während Anlagen jenseits des Engpasses ihre Einspeiseleistung erhöhen müssen. Auf diese Weise wird ein Lastfluss erzeugt, der dem Engpass entgegenwirkt.

Das Maßnahmendreieck und die Elektrifizierung der Wärmeversorgung

Die Umstellung auf Wärmepumpen ist ein zentraler Baustein zur Dekarbonisierung der Wärme. Die Effektivität dieser Technologie ist jedoch untrennbar mit der thermischen Qualität der Gebäudehülle und der digitalen Steuerungsfähigkeit verknüpft. Erst im Zusammenspiel dieser Elemente – Gebäudehülle, Wärmeerzeugung und Digitalisierung – lassen sich sowohl energie- als auch netzseitige Potenziale erschließen.

Thermische Hülle als physikalischer Lastspeicher

Eine energetisch hochwertige Gebäudehülle senkt nicht nur den absoluten Energiebedarf, sondern reduziert insbesondere die elektrische Spitzenlast im Winter. Durch die thermische Trägheit sanierter Gebäude können Wärmepumpen flexibler betrieben werden. Dies ermöglicht eine netzdienliche Steuerung in Engpasssituationen, ohne dass unmittelbare Komforteinbußen für die Bewohnenden entstehen.

Digitalisierung als Befähigung zur Netzdienlichkeit

Digitale Technologien fungieren als verbindendes Element zwischen Gebäude und Netz. Intelligente Systeme ermöglichen es, auf externe Signale wie variable Strompreise oder Steuerungsbefehle des Netzbetreibers zu reagieren. Eine zentrale Rolle übernimmt dabei das Home Energy Management System (HEMS). Es erstellt einen optimierten Fahrplan für flexible Verbraucher, indem es Marktsignale, netzseitige Anforderungen und die lokale Erzeugung berücksichtigt.

Systemische Anreize: Das Solarspitzengesetz und Marktsignale

Die regulatorischen Rahmenbedingungen wandeln sich dahingehend, dass netzdienliches Verhalten ökonomisch vorteilhaft wird. Dies betrifft insbesondere die Kopplung von lokaler Erzeugung und Verbrauch.

Szenarienanalyse: Evaluierung der Sanierungspfade

Unterschiedliche Sanierungspfade führen zu verschiedenen Belastungsprofilen für das Stromnetz und zu variierenden Kostenstrukturen für die beteiligten Akteure. In der Beratungspraxis lassen sich drei Szenarien evaluieren:

Szenario A – Technologie-Fokus

  • Fokus der Allokation: Austausch des Wärmeerzeugers (durch Wärmepumpe) ohne begleitende Sanierung der Gebäudehülle.
  • Auswirkungen auf das Energiesystem: Der geringe Wärmeschutz führt zu hohen elektrischen Spitzenlasten in der Heizperiode. Dies erhöht den Ausbaubedarf in der Niederspannungsebene und verschärft lokale Netzengpässe.
  • Kostenperspektive (Gesamtsystem): Niedrige Investitionskosten (CAPEX) auf Seiten der Vermietenden, jedoch sehr hohe Systemkosten sowie steigende Betriebskosten (OPEX) für die Mietenden.

Szenario B – Effizienz-Fokus

  • Fokus der Allokation: Maximale Sanierung der Gebäudehülle bis hin zum Passivhaus-Standard.
  • Auswirkungen auf das Energiesystem: Sehr geringe Netzlast und kaum Bedarf an digitaler Lastverschiebung oder Flexibilisierung.
  • Kostenperspektive (Gesamtsystem): Sehr hohe Investitionskosten (CAPEX) für die Vermietenden; Risiko einer ökonomischen Ineffizienz bei hoher Sanierungstiefe.

Szenario C – Integriertes System-Optimum

  • Fokus der Allokation: Moderate Hüllensanierung in Kombination mit intelligenter Steuerung und flexibler Anlagentechnik.
  • Auswirkungen auf das Energiesystem: Ausgeglichenes Lastprofil durch gezielte Nutzung von Flexibilität zur Abmilderung von Spitzenlasten.
  • Kostenperspektive (Gesamtsystem): Niedrigste Gesamtsystemkosten durch die synergetische Kombination von baulichem Wärmeschutz und Digitalisierung.

Flexibilisierung der Wärmeversorgung

Ein wesentlicher Aspekt für die Netzentlastung liegt in der flexiblen Ausgestaltung der Wärmeversorgung mit Wärmepumpen in Verbindung mit Pufferspeichern.

Fazit und Ausblick für die Beratungspraxis

Die Entscheidung für einen Sanierungspfad sollte nicht isoliert auf Gebäudeebene getroffen werden. Die Reduktion von Lastspitzen durch energetische Sanierung und digitale Steuerung ist ein wesentlicher Beitrag zur Begrenzung der Netzausbaukosten.

Für Energieberatende ergibt sich daraus die Aufgabe, Kundinnen und Kunden nicht nur über Energieeinsparungen zu informieren, sondern das Gebäude konsequent als Teil des Gesamtsystems zu präsentieren. Die Integration flexibler Anlagen in Verbindung mit einer intelligenten Steuerung (HEMS) und einer angemessenen thermischen Hülle bildet das Fundament für einen zukunftsfähigen und netzdienlichen Prosumer-Haushalt dar. Eine zentrale Hürde bleibt derzeit die mangelnde Standardisierung und Interoperabilität zwischen verschiedenen Herstellern und Protokollen, was die Umsetzung von Plug-and-Play-Lösungen oft erschwert.

Erläuterung: Marktdienlich vs. Netzdienlich

Marktdienlichkeit: Die Optimierung des Verbrauchs basierend auf Preissignalen der Strombörse. Ziel ist die Senkung der individuellen Kosten durch Ausnutzung von Preis-Spreads.

Netzdienlichkeit: Die Anpassung des Verbrauchs- oder Einspeiseverhaltens zur Entlastung des lokalen Stromnetzes. Ziel ist die Vermeidung von Netzüberlastungen und die Reduktion von Netzausbaukosten.

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