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Zirkulärer Rückbau mit System: DIN SPEC 91484 und DIN SPEC 91525

Stand: März 2026
Foto, auf einem Holzpalettenstapel liegen unregelmäßig gestapelte Ziegelsteine und einige Betonplatten im Hintergrund.

Der Bausektor steht vor einem Paradigmenwechsel: Zirkuläres Bauen rückt den Gebäudebestand als Ressource in den Fokus. 

Mit der DIN SPEC 91484 und der darauf aufbauenden DIN SPEC 91525 liegen erstmals praxisnahe Standards vor, die den Weg von der systematischen Bestandsaufnahme bis zur fundierten Entscheidung über die Anschlussnutzung von Bauprodukten entlang des gesamten Rückbauprozesses ebnen.

Von der Bestandsaufnahme zur Anschlussnutzung

Der Bausektor verantwortet rund 55 Prozent des deutschen Abfallaufkommens – der Handlungsbedarf für eine ressourcenschonende Kreislaufwirtschaft ist entsprechend hoch.

Einen zentralen Ansatz bietet die DIN SPEC 91484, die im September 2023 veröffentlicht wurde und erstmals eine systematische Grundlage zur Identifikation von wiederverwendbaren Bauprodukten aus Bestandsgebäuden geschaffen hat.

Im Februar 2026 wurde die darauf aufbauende DIN SPEC 91525 veröffentlicht, die ein standardisiertes Verfahren für Anschlussnutzungskonzepte von Bauprodukten aus Bestandsgebäuden beschreibt.

DIN SPEC 91484: Potenziale von Bauprodukten erkennen

Die DIN SPEC 91484 beschreibt das Verfahren, bei dem Bauprodukte hinsichtlich ihres Potentials zur Anschlussnutzung vor Abbruch- und Renovierungsarbeiten (Pre-Demolition-Audit) erfasst werden. 

Das Ziel der DIN SPEC 91484 ist es, hochwertige Bauteile vor dem Abriss zu identifizieren und ihnen – wo möglich – ein zweites Leben zu ermöglichen. In einem zweistufigen Verfahren, den sogenannten Pre-Demolition-Audits (PDA), kann geprüft werden, welche Bauteile oder Materialien für eine Wieder- oder Weiterverwendung in anderen Bauvorhaben und somit für eine Anschlussnutzung geeignet sind. 

Dafür legt diese DIN SPEC eine einheitliche Methodik fest: In einer Vorprüfung (PDA Stufe 1) werden zunächst grundlegende Informationen wie der Standort des Bauwerks, das Baujahr, die Gebäudeklasse und die Nutzungsart erfasst. In dieser ersten Phase wird auch bestimmt, welche Teile für eine weitere Nutzung geeignet sind. 

Darauf aufbauend erfolgt eine Detailprüfung (PDA Stufe 2):

  • Entsprechen die ausgewählten Bauteile und Materialien geltenden Qualitätsstandards?
  • Ist ein zerstörungsfreier Ausbau technisch möglich?
  • Lassen sich Transport, Lagerung und Weiterverwendung realistisch organisieren?

Die DIN SPEC 91484 legt fest, welche qualifizierten Akteurinnen und Akteure berechtigt sind, diese Fachgutachten zu erstellen. Dazu zählen Architektinnen und Architekten, Tragwerksplanende, Schadstoffgutachtende sowie Abbruchunternehmen.

Je nach Umfang und Tiefe der Untersuchung können die Kosten für solche Gutachten mehrere tausend Euro betragen.

Als Faustregel gilt daher: Priorisiert werden solche Produkte, die sich leicht demontieren lassen, eine hohe Materialgüte aufweisen und für die bereits im Vorfeld konkrete Abnehmer oder Anschlussnutzungen identifiziert werden können. Durch diese gezielte Selektion und einer frühzeitigen Planung – idealerweise mindestens sechs Monate vor einem Rückbau – lassen sich Kosten senken und zusätzliche Erlöse erzielen. In der Praxis können so Abbruchkosten gegenüber herkömmlichen Ansätzen um bis zu 30 Prozent reduziert werden.

DIN SPEC 91525: Anschlussnutzung für Bauprodukte aus Bestandsgebäuden

Mit der DIN SPEC 91525 aus 2026 ist ein weiterer entscheidender Schritt erfolgt. Der neue Standard baut direkt auf den Ergebnissen der DIN SPEC 91484 (PDA Stufe 2) auf und schließt die Lücke zwischen der Identifikation von Potenzialen und der konkreten Umsetzung einer zirkulären Anschlussnutzung.

Ziel der DIN SPEC 91525 ist es, eine strukturierte Entscheidungsgrundlage für Auftraggebende zu schaffen. Dafür werden Anschlussnutzungsoptionen anhand folgender Kriterien systematisch bewertet:

  • technische Machbarkeit
  • wirtschaftliche Zumutbarkeit
  • ökologische Potenziale

Die DIN SPEC definiert hierfür klare Verfahrensschritte: von der Festlegung eines Anschlussnutzungspfads über die technische, ökonomische und optionale ökologische Bewertung bis hin zur Demontage- und Aufbereitungsplanung. Außerdem ordnet sie Anschlussnutzungen eindeutig in eine Hierarchie ein – von Bestandserhalt über Wieder- und Weiterverwendung bis hin zur Wiederverwertung. Die Ergebnisse können direkt in Abbruch- und Rückbaukonzepte nach DIN 18007 (2022) bzw. VDI 6210 Blatt 1 (2025) integriert werden.

Ausblick

Die DIN SPEC 91484 und die darauf aufbauende DIN SPEC 91525 bilden gemeinsam einen konsistenten Werkzeugkasten für zirkuläres Bauen. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung, zur Reduktion von Treibhausgasemissionen und zur Stärkung geschlossener Materialkreisläufe im Bauwesen.

Auch politisch gewinnen die Verfahren an Bedeutung: Städte wie Berlin oder Hamburg schreiben bereits vor, dass bei öffentlichen Abrissprojekten Pre-Demolition-Audits nach DIN SPEC 91484 durchzuführen sind. Mit der DIN SPEC 91525 liegt nun erstmals ein Standard vor, der diese Erkenntnisse konsequent in die Planungs- und Umsetzungsphase überführt. Perspektivisch schafft dies eine belastbare Grundlage für weitere Schritte in Richtung verbindlicher Normung und eine stärkere Verankerung der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen.

Zudem treibt die EU die Weiterentwicklung der DIN SPEC zur verbindlichen internationalen Norm voran, um den Standard auf EU-Ebene und darüber hinaus zu etablieren.

Praxiserfahrungen

Projektbeispiele, bei denen Pre-Demolition-Audits nach DIN SPEC 91484 bereits durchgeführt wurden und im Anschluss Rückbau und Vermittlung der Materialien erfolgreich gelangen, sind etwa der Behrens- / Väthbau in Düsseldorf oder die Alte Stadtbücherei in Augsburg. Die Projekte wurden unter anderem vom Unternehmen Concular begleitet und zeigen, welches Potenzial in einer frühzeitigen und systematischen Betrachtung von Anschlussnutzungen liegt.

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