Der Bausektor verursacht weltweit 34 Prozent der energie- und prozessbezogenen CO2-Emissionen jährlich und trägt damit maßgeblich zu den globalen Treibhausgasemissionen bei. Gleichzeitig ist der Bausektor in Deutschland für rund 40 Prozent des gesamten nationalen Rohstoffverbrauchs verantwortlich. Nach aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes machten Bau- und Abbruchabfälle im Jahr 2023 rund 52 Prozent des gesamten Abfallaufkommens in Deutschland aus. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen an Bedeutung.
Zirkuläres Bauen zielt darauf ab, Ressourcen zu schonen, graue Energie zu reduzieren und Materialien möglichst lange im technischen oder biologischen Kreislauf zu führen. Neben der Wiederverwendung von Bauprodukten stehen rückbaubare Konstruktionen, sortenreine Materialtrennung und eine systematische Dokumentation im Fokus.
Checklisten für Auftraggebende, Planende und Ausführende
Trotz dieser Potenziale scheitert die Umsetzung in der Praxis oft an fehlenden Standards und mangelndem Wissen über die konkrete bauliche Ausführung. Die vorliegenden Checklisten sind daher als praxisnahes Steuerungsinstrument konzipiert, um die theoretischen Konzepte der Kreislaufwirtschaft in prüfbare Handlungsschritte für alle Projektbeteiligten zu übersetzen.
Das Ziel der Checklisten ist es, eine systematische Qualitätssicherung über den gesamten Gebäudelebenszyklus zu etablieren: Sie geben Auftraggebenden die Leitplanken für die Ausschreibung vor, unterstützen Planende bei der Konzeption demontierbarer Konstruktionen und sichern die fachgerechte, zerstörungsfreie Ausführung auf der Baustelle. So wird sichergestellt, dass Gebäude nicht als zukünftiger Abfall, sondern als langfristig nutzbare Materialdepots geplant und realisiert werden.
Checklisten
Checkliste für Auftraggebende – Die Weichenstellung für Zirkularität (Projektinitiation)
Die Checkliste hilft Auftraggebenden, Zirkularität als verbindliches Ziel zu setzen. Sie unterstützt bei der Definition von Pflichten, Honorierungsmodellen und der Einbindung von Fachplanung, damit Kreislauffähigkeit über alle Phasen Priorität behält.
Stand: März 2026
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Checklisten
Checkliste für Planende – Die Basis für zirkuläre Gebäude (Planungsphase)
Planende legen die Basis für zirkuläre Gebäude. Die Checkliste bietet Hilfestellung zu Design for Disassembly, BIM-Planung und Materialwahl, um Demontagefähigkeit und langfristige ökologische Rahmenbedingungen für das Projekt sicherzustellen.
Stand: März 2026
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Checklisten
Checkliste für Ausführende – Qualitätssicherung im Einbau (Bauphase)
Diese Checkliste sichert die Realisierung von Zirkularität vor Ort. Sie unterstützt Ausführende bei der präzisen Umsetzung der Planung, beim sortenreinen Abfallmanagement und der Dokumentation, um den Werterhalt der Materialien dauerhaft zu ermöglichen.
Stand: März 2026
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Grundlagen des Kreislaufgerechten Bauens
Design for Disassembly
Design for Disassembly bezeichnet ein Planungsprinzip, bei dem Gebäude und Bauprodukte so konzipiert werden, dass diese vollständig oder teilweise zerstörungs- und rückstandsfrei ohne Qualitätsverluste zurückgebaut werden können. Dies wird in der Regel durch mechanische Verbindungen, standardisierte beziehungsweise modulare Komponenten und trockene Bauweisen ermöglicht. So können Bauteile und -produkte wie beispielsweise Träger, Fassadenmodule und Fußbodenbeläge direkt wiederverwendet werden.
Zentrale Begriffe im Überblick
Um ein einheitliches Verständnis für die Planung und Umsetzung zirkulärer Projekte zu schaffen, werden im Folgenden die zentralen Fachbegriffe und Konzepte definiert, die für eine erfolgreiche Kreislaufwirtschaft im Bauwesen maßgeblich sind.
Maßnahmen, die darauf abzielen, das Entstehen von Abfällen bereits im Vorfeld durch effiziente Planung, optimierte Nutzung von Ressourcen und Weiter- oder Wiederverwendung zu verhindern.
Kontrollierter Rückbau von Bauwerken oder Bauwerksteilen, bei dem möglichst intakte und sortenreine Materialien zur Weiter- oder Wiederverwendung gewonnen werden.
Planungsprinzip, bei dem Entwürfe an verfügbare, regionale und bestehende Materialbestände angepasst werden, statt Primärrohstoffe zu verwenden.
Die stoffliche Verwertung zur Herstellung von Produkten minderer Qualität oder Funktionalität, wodurch sich der Wert des Materials im Kreislauf verringert.
Eine Umweltproduktdeklaration (EPD) ist ein standardisiertes Dokument, das quantitative, verifizierte Informationen über die Umweltwirkungen eines Bauprodukts liefert und damit die notwendige Datengrundlage für die Erstellung einer Gebäude-Ökobilanz (LCA) bildet.
Funktionale Leistungsbeschreibungen definieren das Ziel und die geforderten Funktionen einer Bauleistung, ohne den Lösungsweg detailliert vorzugeben, was Planenden und Ausführenden Spielraum für innovative, kreislaufgerechte Lösungen lässt.
Dokumentation, die den Betrieb und die Instandhaltung eines Gebäudes beschreibt, um die Nutzungseffizienz zu optimieren und eine langfristige Werterhaltung zu gewährleisten.
Synonym für die Treibhausgasemissionen über den Lebenszyklus eines Gebäudes, ohne Emissionen aus dem Gebäudebetrieb (entsprechend der Definition der DGNB).
Beschreibt in der Baubranche die mit der Herstellung verbundenen Primärenergieaufwände (entsprechend der Definition der DGNB).
Die Langlebigkeit bezeichnet die Nutzungsdauer von Bauprodukten, also die Fähigkeit von Bauprodukten und -materialien, über einen langen Zeitraum (50–100 Jahre) hinweg ihre Funktion bei minimalem Wartungsaufwand ohne wesentliche Qualitätsverluste zu erfüllen. So wird die Notwendigkeit für den häufigen Ersatz von Bauteilen verringert.
Die Anpassbarkeit beschreibt die Fähigkeit von Gebäuden, sich flexibel an veränderte Nutzungsanforderungen anzupassen, ohne großen Planungsaufwand oder Materialverluste.
Die Ökobilanzierung (LCA) ist eine systematische Methode zur Analyse der Umweltwirkungen eines Gebäudes über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg, von der Rohstoffgewinnung über die Nutzung bis hin zur Entsorgung oder Wiederverwendung.
Die Lebenszykluskostenrechnung (LCC) betrachtet alle anfallenden Kosten eines Gebäudes – von den Planungs- und Errichtungskosten über die Betriebs- und Instandhaltungskosten bis hin zu den Rückbaukosten – um eine langfristige wirtschaftliche Optimierung zu ermöglichen.
Leistungsverzeichnisse sind detaillierte Aufstellungen aller im Rahmen eines Bauvorhabens zu erbringenden Teilleistungen, in denen bei zirkulären Projekten auch spezifische Anforderungen an die Materialtrennbarkeit und Rückbaubarkeit definiert werden.
Das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) verpflichtet die Baubranche zur Abfallvermeidung, getrennten Sammlung und hochwertigen Anschlussnutzung gemäß der Abfallhierarchie. Es bildet die Grundlage für Bestandserfassungen, laut dem KrWG ist die Vermeidung zu priorisieren und maximal 30 Prozent der Bau- und Abbruchabfälle dürfen beseitigt werden.
Die KrWG-Quote bezieht sich auf die im Kreislaufwirtschaftsgesetz festgelegten Zielvorgaben für die stoffliche Verwertung von Bau- und Abbruchabfällen, wobei aktuell mindestens 70 Gewichtsprozent der nicht gefährlichen Abfälle recycelt oder energetisch verwertet werden müssen.
Materialgesundheit beschreibt die Unbedenklichkeit von Bauprodukten und -materialien hinsichtlich Schadstoffen, Emissionen und Gesundheitsrisiken über ihren gesamten Lebenszyklus hinaus.
Materialpässe sind digitale Dokumente, welche alle relevanten Informationen über den gesamten Lebenszyklus zu Materialien erfassen. Sie dienen unter anderem der Transparenz und vereinfachtem Material-Handling für Sanierungen und Rückbau.
Bestandserfassungen nach DIN SPEC 91484, Vorprüfung (PDA Stufe 1) und Detailprüfung (PDA Stufe 2). Das PDA-Verfahren umfasst eine schrittweise Erhebung der Gebäudesubstanz, eine Bewertung der Wiederverwendbarkeit und die digitale Dokumentation der erfassten Daten.
Verwertung von Abfällen oder Materialien zu neuen Werkstoffen oder Produkten mit dem Ziel der Schließung des Materialkreislaufes.
Ressourceneffizienz im Bauwesen beschreibt die Optimierung des Einsatzes von Materialien, Energie und Flächen über den gesamten Lebenszyklus hinweg, um maximalen Nutzen bei minimalem Ressourceneinsatz zu erzielen, also das Verhältnis von erforderlichem Aufwand zu erzieltem Nutzen.
Sortenreinheit beschreibt im Bauwesen die Planung und Konstruktion für Material-Trennbarkeit und Rückbaubarkeit, um Verunreinigungen oder Vermischungen von Materialien zu vermeiden, damit die Wiederverwendung und hochwertiges Recycling ermöglicht und Abfälle zu vermeiden werden. Die sortenreine Trennung auf der Baustelle wird im TEC2-R Kriterium der DGNB honoriert.
Rückführung von Abfallmaterialien in Produktionsprozesse, um sie als Ausgangsmaterialien für neue Produkte zu nutzen.
Die ausschließlich energetische Nutzung von Abfällen durch Verbrennung, bei der sowohl Wärme als auch Strom erzeugt werden.
Materialtrennbarkeit bezeichnet die Fähigkeit, Bauprodukte und -materialien zerstörungs- und rückstandsfrei ohne Qualitätsverlust vom Gebäude bzw. der Baukomponente trennen zu können, um diese wiederzuverwenden oder hochwertiges Recycling zu ermöglichen.
Die Verwendung eines Bauprodukts oder -materials für denselben Zweck ohne wesentliche Aufbereitung oder Veränderung seiner bestehenden Form.
Einsatz eines Bauprodukts oder -materials für einen anderen, wertschöpfenden Zweck, nachdem seine bestehende Form verändert, angepasst oder umgewandelt wurde.
Die erneuerte Verwendung von Bauprodukten oder -materialien aus Rückbaumaßnahmen oder Sanierungen für denselben oder ähnlichen Zweck ohne wesentliche Aufbereitung oder Veränderung ihrer bestehenden Form.
Die Verwendung von Bauprodukten oder -materialien für einen anderen Zweck oder in einem anderen Zusammenhang, nachdem seine bestehende Form verändert, angepasst oder umgewandelt wurde.
Mit der DIN SPEC 91484 und DIN SPEC 91525 stehen zwei standardisierte Verfahren zur Verfügung, die das Potenzial von Bauprodukten für die Wiederverwendung identifizieren und Schritte für die konkrete Anschlussnutzung definieren.
Umweltproduktdeklarationen sind standardisierte Datensätze, die Informationen zu verwendeten Baustoffen und Produkten bereitstellen. Das ermöglicht eine Bewertung des ökologischen Fußabdrucks über den gesamten Gebäudelebenszyklus.
Die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen kann den Verbrauch von Primärrohstoffen reduzieren sowie Emissionen, Deponiemengen und langfristig Lebenszykluskosten senken. Deutschland erreichte 2023 eine Circular Material Use Rate von 13,9 Prozent, was den Fortschritt beim Einsatz von Sekundärmaterialien verdeutlicht. Mineralische Bauabfälle werden zu über 90 Prozent wiederverwertet, wobei etwa 13 Prozent des Bedarfs an Gesteinskörnungen durch Recyclingmaterial gedeckt werden.
Ansätze wie Urban Mining, sortenreiner Rückbau und Design for Disassembly steigern die Ressourceneffizienz und werden durch DGNB-Kriterien und Förderprogramme unterstützt.
Die Checklisten können projektbegleitend eingesetzt werden und unterstützen eine strukturierte Qualitätssicherung und Dokumentation über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. Zusätzlich zu den Checklisten bieten etablierte Initiativen praxisnahe Impulse zum klimaneutralen Bauen, z.B. der DGNB-Gebäuderessourcenpass zur Transparenz über Ressourcen und Kreislauffähigkeit sowie Materialpassplattformen wie Concular oder Madaster. Spezifische Förderprogramme umfassen die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG), die Zuschüsse und Kredite für zirkuläre Sanierungen und Neubau bietet. Diese Ressourcen unterstützen die Umsetzung und maximieren Fördervorteile.
Der Bausektor ist für einen Großteil des Energieverbrauchs und Abfallaufkommens in Deutschland verantwortlich. Digitale Methoden und innovative Tools helfen dabei, Energieeffizienz sowie Wiederverwertung und Recycling zu gewährleisten und zu optimieren.
Das Bauwesen trägt durch die Gewinnung von Rohstoffen, die Herstellung von Baustoffen, Transportwege sowie den Bau, Betrieb und Abriss von Bauwerken erheblich zum weltweiten Ressourcen- und Energieverbrauch und den daraus resultierenden Emissionen bei.
Um den heutigen Anforderungen an Gebäude wie Wohnqualität, Wirtschaftlichkeit, Dauerhaftigkeit, Umnutzbarkeit und Rückbaubarkeit gerecht zu werden, ist eine vorausschauende und ganzheitliche Planung erforderlich. Verfahren wie die LCA unterstützen dabei.
Die Kreislaufwirtschaft in Deutschland und Europa wird durch verschiedene Gesetze und Verordnungen reguliert. Auf EU-Ebene bündelt der Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft wichtige Maßnahmen, national ist vor allem das Kreislaufwirtschaftsgesetz relevant.
Für den Neubau oder die energetische Sanierung von Wohn- und Nichtwohngebäuden stehen, je nach geplanter Maßnahme, Förderungen in Form von Zuschüssen oder Krediten zur Verfügung.