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„Die Menschen fragen nicht mehr, ob sie eine Wärmepumpe einbauen können, sondern wie“

Stand: April 2026
Foto, Dr. Marek Miara

Dr. Marek Miara gilt als Deutschlands „Wärmepumpenpapst“. Nach 23 Jahren in der Forschung am Fraunhofer ISE hat er das Institut verlassen, um die Organisation Heat Pumps Watch zu gründen. Ziel: Evidenzbasierte Informationen zur Wärmepumpe für Fachleute, Politik sowie Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer aufbereiten – verständlich und leicht erklärt.

Im Interview spricht er über seine Vision für das Projekt und zeigt, wie sich die Debatte in den letzten Jahren gewandelt hat.

Herr Dr. Miara, nach Jahren der Forschung neue Wege einschlagen – das ist sicher kein leichter Schritt?

Sie sagen es. Ich hatte erst gestern meinen letzten Tag am Fraunhofer ISE und muss sagen: Diese neue Herausforderung ist aufregend und auch noch ungewohnt. Ich habe dort sehr gern gearbeitet. Gerade der Bereich Wärmepumpe ist unglaublich dynamisch. Es gibt ständig Neues zu entdecken, für einen Wissenschaftler ist das toll. Gleichzeitig habe ich zunehmend gemerkt, dass ich künftig etwas anderes will. In den letzten fünf Jahren habe ich rund 200 Vorträge gehalten, dabei ist mir eine große Leerstelle aufgefallen: Viele Menschen verlieren in der großen Flut an Informationen rund um die Wärmepumpe den Überblick. Gleichzeitig müssen die Menschen eine fundierte Entscheidung treffen – schließlich ist der Heizungstausch eine große finanzielle Entscheidung im Leben. Bislang fehlt eine Organisation, die wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich übersetzt. Genau hier setzt Heat Pumps Watch an.

Welche Formate bieten Sie an?

Wir stehen noch ganz am Anfang, unsere Website ist erst im November online gegangen. Aber ich habe ein ganzes Notizbuch voller Ideen, die nur darauf warten, umgesetzt zu werden. Gerade habe ich die Blog-Reihe „18 Fragen zur Wärmepumpe“ finalisiert. Darin antworte ich auf Fragen, die mir in den letzten Jahren besonders oft begegnet sind, natürlich auf Basis des aktuellen Stands der Wissenschaft. Außerdem bieten wir einen Heizkostenrechner an. Er hilft bei einer ersten Einordnung: Wie unterscheiden sich die Kosten im Vergleich zur Gasheizung? Welche Rolle spielt Photovoltaik? Als nächstes Projekt schwebt mir ein Tool vor, mit dem sich Wärmepumpenangebote besser vergleichen lassen. Der Markt ist inzwischen so groß, dass eine Hilfestellung in dem Bereich sehr wertvoll ist. Wichtig ist mir dabei: Unsere Inhalte richten sich aktuell zwar stark an Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer, sind aber genauso hilfreich für Installateure, Energieberatende und Politik. Gerade sie müssen komplexe Sachverhalte verständlich erklären und profitieren von klaren Argumentationshilfen.

Hat sich die Diskussion um die Wärmepumpe in den letzten Jahren verändert?

Und ob! Das Interesse ist wirklich enorm. Meine Vorträge sind regelmäßig ausgebucht. Selbst in Städten mit 30.000 Einwohnerinnen und Einwohnern kommen problemlos bis zu 600 Menschen – und das an einem Wochentag und bei einem so technischen Thema. Aber auch die Fragen haben sich verändert: Die Menschen fragen heute nicht mehr, ob sie eine Wärmepumpe einbauen können, sondern wie sie sie umsetzen können. Ein Beispiel: Bei einem Vortrag meldete sich kürzlich eine Frau mit einem Haus aus den 1820er Jahren, groß, bisher mit Nachtspeicheröfen beheizt. Vor zwei Jahren hätte man noch diskutiert, ob eine Wärmepumpe dort überhaupt sinnvoll ist. Und ehrlich gesagt hätte ich diese Debatte auch erwartet. Aber nein, die Frage war schlicht: „Was sind jetzt meine nächsten Schritte?“

Was haben Sie ihr geraten?

Selbst in diesem Fall reicht es völlig aus, gut dimensionierte Heizkörper einzubauen. Danach steht einer Wärmepumpe eigentlich nichts mehr im Weg. Viele glauben, sie müssten zwingend eine Fußbodenheizung installieren oder ihr Haus für sechsstellige Beträge sanieren. Aber da kann ich Entwarnung geben: In der Regel genügen einige Tausend Euro für die Heizkörper. Dazu kommt, dass der technische Fortschritt zusätzliche Möglichkeiten eröffnet. Selbst bei 75 Grad Vorlauftemperaturen ist ein Betrieb möglich. Das ist ein echter Gamechanger! Damit bleiben nur noch sehr wenige Häuser übrig, in denen wir eine Wärmepumpe nicht effizient betreiben können. Und zwar die Häuser, die so stark baufällig sind, dass sie ohnehin eine umfassende Sanierung bräuchten.

Gibt es Fälle, in denen eine hybride Heizung sinnvoller ist?

Es gibt manchmal Mehrfamilienhäuser, bei denen eine reine Wärmepumpenlösung Stand heute zu komplex ist. Vorab: Wir haben schon bei vielen Mehrfamilienhäusern tolle Lösungen umgesetzt. In manchen Fällen ist aber die Warmwasserversorgung eine Schwierigkeit. Ein Spitzenlastkessel kann dann eine sinnvolle Ergänzung sein. Allerdings ist mein Appel: Die Anlage sollte von Anfang an so geplant sein, dass später ein vollständiger Umstieg auf die Wärmepumpe möglich ist. Sonst drohen Lock-in-Effekte.

Wie können sich Menschen mit geringem Einkommen eine Wärmepumpe leisten?

Die Investitionskosten liegen aktuell bei rund 30.000 Euro. Das ist viel Geld. Allerdings profitieren gerade Geringverdienende von der Förderung, die je nach Einkommensklasse bis zu 70 Prozent der Kosten abdeckt. Das eingerechnet liegt die Wärmepumpe heute schon auf dem Level der Gasheizung, wenn nicht sogar darunter. Und in den kommenden Jahren sind noch weitere Preissenkungen zu erwarten. Dazu kommt, dass die Betriebskosten schon jetzt im Vergleich zur fossilen Heizung deutlich niedriger sind. Diese Differenz wird umso größer, wenn – wie in den letzten Wochen – die Gaspreise aufgrund politischer Verwerfung in die Höhe schnellen.

Warum gehen Sie davon aus, dass künftig die Investitionskosten sinken?

Wir müssen nur mal in Nachbarländer gucken: Dort liegt die Installation mit 15.000 Euro gerade mal bei der Hälfte. Warum? Meiner Einschätzung nach gehen bis zu 70 Prozent des Preisunterschieds auf strenge Qualitätsanforderungen zurück. Zum Beispiel ist es gängige Praxis, dass das Fundament einer Wärmepumpe in Deutschland ganze 80 Zentimeter tief ist. Das muss man sich mal vorstellen – das ist ein Betonklotz so groß wie eine Waschmaschine! Natürlich sind wir damit absolut sicher, dass nichts passieren wird. Aber ist das wirklich notwendig? Zum Vergleich: Ein Fundament kostet bei uns mehrere Tausend Euro, in anderen Ländern wird teils sogar nur ein Zehntel davon aufgewendet. Und von solchen Beispielen gibt es viele, das summiert sich. Meine These ist, dass diese Anforderungen mit zunehmender Nachfrage nach der Wärmepumpe abgeschwächt werden.

Welche Entwicklungen erwarten Sie darüber hinaus?

Große Potenziale sehe ich in puncto Standardisierung und Skalierung. Aktuell gibt es noch mehrere Tausend verschiedene Wärmepumpentypen, je nach Haus, Standort und Wärmequelle. Viele Greentech-Unternehmen arbeiten unter Hochdruck an Skalierungseffekten – mit dem Ziel, künftig vielleicht zwei verschiedene Typen anzubieten. Das würde die Prozesse weiter optimieren und den Einbau beschleunigen.

Ein weiterer Bereich ist die intelligente Steuerung. Die Wärmepumpe funktioniert gerade im Zusammenspiel mit anderen Technologien hervorragend. Die Konstellation Wärmepumpe-PV ist dabei bereits bekannt, aber auch in Kombination mit E-Autos ist noch einiges möglich. Zum Beispiel könnte ich das E-Auto nachts als Batterie für die Wärmepumpe nutzen und es dann tagsüber mit der PV-Anlage wieder aufladen. Damit das gelingt, braucht es aber eine integrierte Steuerung für das gesamte Anlagenpaket. Aktuell sind die technischen Möglichkeiten dafür noch recht komplex, aber die Tools entwickeln sich stetig weiter. Meine Vision ist, dass die Bedienung künftig so einfach ist wie die Installation eines neuen Druckers.

Zum Abschluss: Welche Angebote empfehlen Sie Fachleuten, die Endnutzende beraten?

Sehr hilfreich sind beispielsweise die Angebote des Bundesverbands Wärmepumpe. Ich habe selbst eine Schulung zur VDI 4645 mitentwickelt – der zentralen Richtlinie für Planung und Installation der Wärmepumpe. Die Schulung hat jedes Jahr um die 4.000 Anmeldungen und führt sehr gut und umfassend in das Thema ein. Darüber hinaus gibt es auch niedrigschwelligere Angebote wie den „Wärmepumpen-Führerschein“, der Auszubildende im SHK-Bereich spielerisch an das Thema heranführt. Und es gibt eine Bandbreite an Tools, die Fachleute für eine erste Einschätzung empfehlen können – etwa der kostenfreie Angebotsvergleich der Verbraucherzentrale. Dabei kommen dank KI ständig neue Angebote hinzu. Mein Rat lautet: Bleiben Sie neugierig für neue Innovationen. Dieses Feld entwickelt sich ständig weiter – und genau das macht es so spannend!

Über Dr. Marek Miara

Dr. Marek Miara zählt zu den führenden Experten zum Thema Wärmepumpe in Deutschland und forschte 23 Jahre am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (Fraunhofer ISE). 2025 gründete er die gemeinnützige Organisation Heat Pumps Watch

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