Neues Europäisches Bauhaus: Wie aus einem Kinderwagenwerk ein Zukunftslabor wird
Stand: März 2026
Eine ehemalige Kinderwagenfabrik in Zeitz wird zum Reallabor für klimaneutrales Bauen und gesellschaftliche Transformation.
Im Interview erklären Martin Wiesner vom Reallabor ZEKIWA Zeitz und Katrin Kanus-Sieber vom Netzwerkbüro für das Neue Europäische Bauhaus in Sachsen-Anhalt, wie aus einer Industriebrache ein Zukunftsort entsteht.
Herr Wiesner, was genau verbirgt sich hinter dem Reallabor ZEKIWA?
Martin Wiesner: Das Reallabor entsteht an einem Ort, der von verschiedenen Umbrüchen geprägt ist. Es befindet sich auf dem Gelände der einst größten Kinderwagenfabrik Europas, ZEKIWA. Viele Menschen aus Zeitz und Umgebung haben dort gearbeitet, nach der Wende aber ihre Jobs verloren. Das war ein dramatischer Einschnitt für die Region. Die Fabrik hat bis heute eine große emotionale Bedeutung für die Stadt. Gleichzeitig steht die Region erneut vor einem tiefgreifenden Wandel. Mit dem Kohleausstieg muss sich die vom Braunkohleabbau geprägte Gegend wirtschaftlich und gesellschaftlich neu aufstellen. Wir erproben deshalb, wie an einem solchen Ort wieder etwas Neues entstehen kann. Unser Ziel ist es, hier einen zukunftsorientierten Ort für nachhaltiges Bauen zu schaffen und zugleich neue Räume für Gemeinschaft zu eröffnen – mit einem klaren Fokus auf Partizipation, Bauen im Bestand, Suffizienz und zirkuläre Materialkreisläufe.
Das Reallabor wird im Rahmen der Initiative Neues Europäisches Bauhaus in Sachsen-Anhalt gefördert. Was bedeutet das genau?
Katrin Kanus-Sieber: Das Neue Europäische Bauhaus ist eine EU-Initiative, die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Rahmen des Green Deal gestartet hat. Grundidee ist es, die ökologische Transformation wirklich ganzheitlich zu denken und nachhaltige Prinzipien mit sozialen und ästhetischen Aspekten zu verbinden. In ihrem progressiven Geist knüpft die Initiative an die Tradition des historischen Bauhauses an, dessen Ursprünge auch in Sachsen-Anhalt liegen. Umso mehr freut es uns, Teil dieser Initiative zu sein. Das Neue Europäische Bauhaus wird in Sachsen-Anhalt über den Just Transition Fund gefördert, insgesamt stehen dabei 54 Millionen Euro für Projekte in den Strukturwandelregionen zur Verfügung. Geförderte Projekte orientieren sich dabei am sogenannten NEB_KOMPASS der Europäischen Kommission. Neben dem Reallabor unterstützen wir derzeit 19 Projekte, die zum Teil schon Zuwendungsbescheide erhalten haben.
Warum ist schön dabei so wichtig?
Katrin Kanus-Sieber: Die ästhetische Qualität unseres gebauten Umfelds ist für die gesellschaftliche Akzeptanz wirklich entscheidend und ermöglicht Identifikation und Aneignung. Das Neue Europäische Bauhaus erhebt den Anspruch an seine Projekte, dass nachhaltige Lösungen nicht nur funktional sind, sondern auch gestalterisch überzeugen. Dabei geht es nicht um Effekthascherei, sondern eine Architektur, in der die Menschen sich wiederfinden.
Wie setzen Sie die Grundsätze des Neuen Bauhaus im Reallabor konkret um, Herr Wiesner?
Martin Wiesner: Wir arbeiten mit vielen verschiedenen Projektbeteiligten zusammen und haben dadurch einen bunten Blumenstrauß an Bausteinen, die wir im Reallabor umsetzen. Das ist wirklich toll! Zunächst machen wir das alte Fabrikgelände Schritt für Schritt wieder zukunftsfähig. Gerade sanieren wir das ehemalige Verwaltungsgebäude. Bei einem denkmalgeschützten Gebäude ist das eine besondere Herausforderung. Gleichzeitig eröffnet sich hier ein wichtiges Forschungsfeld: Wie lassen sich Klimaneutralität und Denkmalschutz miteinander verbinden? Für die Sanierung bauen wir zudem eine Materialdatenbank auf, in der wir alle Bauteile und Materialien erfassen. So lassen sie sich später leichter rückbauen und wiederverwenden. Zugleich hinterfragen wir jede bauliche Entscheidung sehr genau: Was muss überhaupt neu hinzukommen, welche Materialien sind wirklich notwendig, sind diese kreislauffähig und wie lassen sich Räume so gestalten, dass sie langfristig, flexibel und für unterschiedliche Nutzungen robust bleiben.
Darüber hinaus setzen wir hauptsächlich auf Sekundärmaterialien sowie innovative nachhaltige Materialien, viele davon entwickeln wir selbst. Ein Beispiel sind gepresste Weizenspreuplatten, die wir etwa im Möbelbau einsetzen. Den Weizen beziehen wir dabei von einem regionalen Landwirt. Außerdem experimentieren wir mit neuen Lehmrezepturen, die sich im Innenausbau ähnlich wie Beton verarbeiten lassen. Eine erste Innenwand aus diesem Material wird in Kürze umgesetzt. Ein weiteres Beispiel ist, dass Abbruchmaterial aus dem Gebäudebestand als Substrat für vertikale Wände mit biodiverser Bepflanzung weitergenutzt werden kann.
Eine zentrale Säule Ihres Projekts ist die Beteiligung der Bevölkerung. Wie funktioniert das konkret?
Martin Wiesner: Wir setzen auf verschiedene Formate. Dazu gehören Bürgerbefragungen, Workshops und sogenannte Akteurswerkstätten. Dort entwickeln lokale und regionale Akteure gemeinsam Ideen, Nutzungsperspektiven und räumliche Szenarien für das Gelände und die Stadt. Außerdem entwickeln wir eine App, über die Bürgerinnen und Bürger Einblicke in Planungsprozesse erhalten und Feedback geben können. Ein Beispiel ist der „Raum der Möglichkeiten“ auf dem Gelände. Dieser wird zu einem offenen Treffpunkt für Veranstaltungen, Workshops und Bildungsangebote. Auch lokale Vereine sollen sich zukünftig dort treffen können. Seine Gestaltung haben wir gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern entwickelt. Solche Orte sind wichtig, weil viele Städte – gerade in strukturschwächeren Regionen – mit zunehmender Vereinsamung zu kämpfen haben.
Was macht das Reallabor aus Ihrer Sicht aus, Frau Kanus-Sieber?
Katrin Kanus-Sieber: Das Reallabor ist unser größtes Projekt und bündelt eine enorme fachliche Expertise. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Hochschule Anhalt, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Burg Giebichenstein Kunsthochschule, der Stiftung Bauhaus Dessau und des Forum Rathenau arbeiten hier mit der Kommune zusammen. Gleichzeitig ist das Projekt exemplarisch für einen Ansatz, der auch in anderen Vorhaben eine wichtige Rolle spielt: die Revitalisierung identitätsstiftender Orte, hier die ehemalige Kinderwagenfabrik ZEKIWA. Ein anderes Beispiel ist der Umbau einer ehemaligen Grundschule in Kleinpaschleben bei Dessau. Ein großer Teil der Dorfbewohnerinnen und -bewohner ist dort selbst zur Schule gegangen. Entsprechend groß ist der Wunsch, diesen Ort wiederzubeleben und als gemeinschaftlichen Treffpunkt zu nutzen. Auch dort wurde der Entwurf von Anfang an gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt.
Wie reagiert die Bevölkerung in Zeitz auf das Projekt?
Martin Wiesner: Am Anfang gab es durchaus Skepsis. Zeitz ist eine Stadt, in der viele Forschungs- und Förderprojekte stattfinden, und manche Menschen fragen sich natürlich, was am Ende konkret für sie bleibt. Mittlerweile erleben wir aber zunehmend positive Resonanz. Viele freuen sich, dass sich auf dem Gelände endlich etwas bewegt und dass die alte Kinderwagenfabrik eine neue Perspektive bekommt. Einige Bürgerinnen und Bürger beteiligen sich bereits aktiv an Veranstaltungen und Aktionen.
Sachsen-Anhalt hat das Neue Europäische Bauhaus sehr früh aufgegriffen. Welche Rolle spielt das im Strukturwandel der Region?
Katrin Kanus-Sieber: Sachsen-Anhalt ist seit seiner Industrialisierung stark von Wandel geprägt und der Strukturwandel ist das jüngste Kapitel. Es gibt dadurch bereits eine große Erfahrung im Umgang mit Transformation. Mit den „Neuen Bauhäuslern“ versuchen wir, diese Erfahrungen zu bündeln und mit neuen Ansätzen zu verbinden. Gerade im Bereich nachhaltiges Bauen gibt es in Sachsen-Anhalt viele spannende Akteure – von Lehmbau-Initiativen über Strohbauprojekte bis hin zu neuen Baustoffentwicklungen.
Was können andere Regionen aus Ihren Projekten lernen?
Martin Wiesner: Wir dokumentieren sehr genau, was funktioniert und wo Schwierigkeiten auftreten. Dazu gehören etwa Fragen der Finanzierung, der Beteiligung oder der Zusammenarbeit mit Kommunen. Außerdem entwickeln wir digitale Werkzeuge, die später auch von anderen Projekten genutzt werden können – etwa unsere Beteiligungs-App und die Materialdatenbank. Uns interessiert dabei immer auch, welche Ansätze sich auf andere Standorte übertragen lassen, zum Beispiel im Umgang mit Bestandsgebäuden, mit Sekundärmaterialien oder mit neuen Formen lokaler Mitgestaltung. Für uns ist klar, dass viele Regionen gerade vor ähnlichen Herausforderungen stehen – besonders in Ostdeutschland: Strukturwandel, hoher Leerstand und Industriebrachen und fehlende Räume für Gemeinschaft. Wir hoffen sehr, dass unsere Erfahrungen dazu beitragen können, Mut zu machen und neue Wege für die Zukunft aufzuzeigen.
Über Katrin Kanus-Sieber und Martin Wiesner
Katrin Kanus-Sieber ist Leiterin des Netzwerkbüros für das Neue Europäischen Bauhauses der Sachsen-Anhaltischen Landesentwicklungsgesellschaft SALEG.
Martin Wiesner ist Gastprofessor für Nachhaltiges Design an der Hochschule Anhalt und administrative Ansprechperson im Reallabor ZEKIWA in Zeitz.