Projekt
In Dresden-Johannstadt entstand aus einer alten Schokoladenfabrik ein integratives Familienzentrum des Deutschen Kinderschutzbundes – ein gelungenes Beispiel dafür, wie durch ressourcenschonende Planung selbst mit begrenztem Budget ein vielseitig nutzbarer Ort entstehen kann.
Der ehemalige Industriebau diente ab 1921 zunächst als Produktionsstätte für Süßwaren, später für Autoteile und Betonfertigteile. Nach Jahren des Leerstands und zunehmenden Verfalls wurde ein Teil des Ensembles zeitweise kulturell genutzt, ein anderer Teil als Jugendklub des Deutschen Kinderschutzbundes e.V. Größere Bereiche standen jedoch erneut leer. Das Gebäudeensemble liegt am Übergang zwischen Plattenbau-Wohnsiedlungen, ehemaligen Gewerbeflächen und verwilderten Grünbereichen.
Ziel der Sanierung war die Umnutzung zu einem integrativen Familienzentrum des Deutschen Kinderschutzbundes, Ortsverband Dresden, mit mehreren sozialen Nutzungen unter einem Dach. Den Bauherren war es wichtig, durch den weitgehenden Erhalt der vorhandenen Substanz Emissionen durch Neubau- und Abriss zu vermeiden, Materialeinsatz und Transporte zu reduzieren und graue Energie weiter zu nutzen
Der Umbau bleibt bewusst lesbar. Bestehendes und Neues sind sichtbar voneinander unterschieden, Spuren der Geschichte und verschiedene Zeitschichten bleiben erkennbar. Die Eingriffe sind zurückhaltend und präzise. Sie erhalten und ergänzen den Bestand dort, wo es nötig ist, und erweitern ihn nur an wenigen Stellen. Charakteristische Elemente wie der Schornstein wurden in das Nutzungskonzept einbezogen. Das marode Dach der ehemaligen Halle wurde entfernt. So entstand ein offener Innenhof als Herzstück und Begegnungsraum. Eine Aufstockung in leichter Holzbauweise schafft Raum für die Wohneinheiten.
Das Projekt ist Vorbild für die Umnutzung eines stark sanierungsbedürftigen Bestands zu einem Ort mit vielfältigen sozialen Nutzungen. Es zeigt, wie sich Erhalt, Wiederverwendung, gezielte Ergänzungen und langlebige Lösungen zu einem ressourcenschonenden und langfristig tragfähigen Ganzen verbinden lassen.
- Nichtwohngebäude
- Sanierung
- Zirkuläres Bauen
Bautafel
Bauvolumen
• Grundstücksgröße: 1.494 m2
• Bruttogrundfläche (BGF): 1.927 m2
• Nettoraumfläche (NRF): 1.458 m2
Bauzeit
• Bauzeit: 02/2019 – 07/2023 (Projektlaufzeit: 03/2019 – 07/2023)
Baukosten
• KG 300+400 brutto: 3,5 Mio. Euro
Energetischer Zustand des Gebäudes
• Vorher: stark sanierungsbedürftiger, teilweise leerstehender Bestandsbau
• Nachher: dauerhaft nutzbares Gebäude für soziale Einrichtungen und Wohnen
• Primärenergiebedarf: 92 kWh/m2a
• Endenergiebedarf Wärme: 192 kWh/m2a
• Endenergiebedarf Strom 19 kWh/m2a
• CO2-Emissionen: 40 kg/m2a
Verwendetes Material
• Vornehmlich Weiterverwendung der Bestandskonstruktion Rohbau, Aufstockung als Holzbau, Verzicht auf Verkleidungen, begrüntes Dach, wiederverwendetes Mauerwerk für Ausbesserungen, Putz, Mauerwerk, Weiterverwendung der vorhandenen Metallbauteile in Hof und Außenfassade, Werkstein im Treppenhaus
• Außenwand: Sowohl Innen- als auch Außendämmung, je nachdem, ob Bestand oder Anbau, Dämmputz
• Fenster: Rahmenmaterial, Verglasung (2-fach), Uw-Werte, Sonnenschutz, zweifach - Isolierverglasung, Rahmen Öffnungsflügel und Zwangslüftern sowie Lüftungsflügel für Nachtauskühlung (einbruchsichere nächtliche Kühlung)
• Dach: Sparrendach, flach geneigt, gedämmt, Gründach
• Aufstockung: Holzleichtbauweise
Verwendete Gebäudetechnik
• Beheizung und WW-Erzeugung: Fernwärmeanschluss und Heizkörper
• Einfache, Lowtech-Lösungen statt komplexer technischer Lüftung (z.B. Fenster mit Lüftungsflügel)
• Das Gebäude konnte bei der Betriebsenergie aufgrund des begrenzten Budgets nicht noch weiter optimiert werden. Hauptaugenmerk lag auf dem Bestandserhalt.
Herausforderungen
Die Sanierung war von mehreren parallellaufenden Rahmenbedingungen geprägt. Während der Bauzeit wurden im Umfeld Infrastrukturmaßnahmen durchgeführt, insbesondere ein Straßenausbau. Das beeinflusste den Bauablauf und die Logistik fortlaufend.
Gleichzeitig mussten Altlasten und bauliche Hinterlassenschaften aus früheren Nutzungen sorgfältig untersucht und bearbeitet werden. Hinzu kamen Abstimmungen an der Grundstücksgrenze sowie Konflikte mit der Nachbarschaft. Auch die pandemiebedingten Einschränkungen erschwerten Planung, Koordination und Ausführung.
Die Herausforderungen konnten durch eine enge Abstimmung aller Beteiligten, eine laufende Anpassung der Abläufe und einen sorgfältigen Umgang mit dem Bestand bewältigt werden.
Ziele & Erfolge
Der stark sanierungsbedürftige Industriebestand wurde nicht abgebrochen, sondern revitalisiert und langfristig gesichert. So entstand ein Ort sozialer Infrastruktur mit identitätsstiftender Wirkung für das Quartier. Das Gebäude vereint heute Beratung, Verwaltung, Konferenzräume, Jugendangebote, Werkstatt, Bibliothek und therapeutisches Wohnen unter einem Dach.
Ein wesentliches räumliches Ziel wurde durch den Eingriff in die ehemalige Halle erreicht. Mit dem Rückbau des maroden Dachs entstand ein offener Innenhof als geschützter Begegnungsort. Die Aufstockung in leichter Holzbauweise ergänzt den Bestand gezielt um zusätzliche Nutzflächen.
Zum Klimaschutz trägt das Projekt vor allem durch den weitgehenden Erhalt der vorhandenen Substanz bei. Bauteile, Mauerwerk und Fundamente blieben in großen Teilen erhalten. Dadurch wurden Abriss- und Neubauemissionen vermieden, Materialeinsatz und Transporte reduziert und bereits gebundene graue Energie weiter genutzt. Ergänzend verfolgt das Projekt einen Ansatz mit sortenreinen, rückbaufähigen Konstruktionen und konkreter Wiederverwendung. So wurden beispielsweise das ehemalige Fabriktor und Fensterrahmen der Halle ausgebaut, aufgearbeitet und an anderer Stelle wieder eingesetzt.
Auch im Betrieb setzt das Gebäude auf langlebige, wartungsarme und technisch robuste Lösungen. Die technische Komplexität wurde bewusst begrenzt, um Instandhaltung und Unterhalt dauerhaft verlässlich zu halten. Damit verbindet das Projekt soziale Nutzung, Bestandserhalt und ressourcenschonendes Bauen in schlüssiger Weise.
Besonderheiten & Auszeichnungen
Besondere Aspekte
Biodiversität
An der Fassade wurden Nistmöglichkeiten für Vögel und Fledermäuse integriert. Damit leistet das Gebäude auch einen Beitrag zur Förderung von Biodiversität im städtischen Umfeld.
Mehrfachnutzung
Hinzu kommt eine Mehrfachnutzung der Außenflächen. Die im Stellplatznachweis berücksichtigten Parkplätze können zugleich als Basketballfläche genutzt werden. So wird die vorhandene Fläche effizient genutzt und in den Alltag des Familienzentrums eingebunden.
Erhalt, Weiterverwendung und Ergänzung
Eine zentrale Erkenntnis aus dem Projekt ist, dass Klimaschutz im Bestand vor allem durch Erhalt, Weiterverwendung und gezielte Ergänzung erreicht wird. Der weitgehende Verzicht auf Abriss, die Wiederverwendung von Bauteilen und die Beschränkung auf notwendige Eingriffe sparen Ressourcen und erhalten zugleich die Geschichte des Ortes.
Auszeichnungen
- Preisträger des Erlweinpreises 2024 der Landeshauptstadt Dresden
- Auszeichnung beim Deutschen Architekturpreis 2025
- Anerkennung beim Sächsischen Staatspreis für Baukultur 2024 und beim Deutschen Ziegelpreis 2024
- Finalist beim Bundespreis UMWELT & BAUEN 2025
- Finalist beim 17. Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2024
- Shortlist DAM Preis 2025
zum Video „Integratives Familienzentrum Dresden – Auszeichung"